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der Interessengegensätze und einer die Niederlialtung der Ar-
beiterclasse als selbstverständlicli ansehenden Denkungsart sind
daher noch einige Proben der praktischen Anschauungsweise
Ricardos hervorzuheben. So sagt er in Uebereinstimmung mit
seinem sonstigen Raisonnement auch noch ausdrücklich (in der
Abhandlung über Ackerbauschutz, 4. Ausg. 1822, Werke S. 476):
„Es giebt keinen andern Weg, die Gewinne hoch, als den, die
Löhne nieder zu halten.” In ähnlicher M^eise ist das Verhält-
niss zwischen Capitalgewinn und Bodenrente gedacht, indem
recht eigentlich die unausweichliche Verkürzung des Capital-
gewinns den Anthcil für die Rente liefern soll. Doch ist in
socialistischer Hinsicht seine Vorstellung von dem Verhältniss
der beiden besitzenden Classen sehr untergeordnet, und alles
Gewicht fällt in seine Betrachtungsart der ökonomischen Rolle
der Arbeiterclasse. Im Allgemeinen sieht er dieselbe als ein
rein passives Werkzeug an, welches in der Veranschlagung
des Nationalreichthums gar nicht mitzählt. Der Reichthum der
Nation besteht nach ihm in Gewinnen und Renten der Oapi-
talisten und der Grundbesitzer. Sehr bezeichnend für diese
Idee, welche, genau besehen, den Nationalreichthum in der
Summe der Privatreichthümer oder vielmehr der Privatver
mögen sucht, ist die Meinung, es sei das sogenannte Reinein
kommen, zu welchem die Löhne als Productionskosten nicht
gerechnet werden und welches daher in der Summe der Ge
winne und Renten besteht, für den Reichthum und die Lei
stungsfähigkeit der Nation maassgebend. Ricardo sagt nämlich
(Hauptwerk Cap. 26): „Vorausgesetzt, dass ihr wirkliches
Reineinkommen, ihre Renten und Gewinne dieselben bleiben,
so kommt es nicht darauf an, ob die Nation aus 10 oder
12 Millionen Einwohnern bestehe.” Hiezu kommt jedoch, dass
Ricardos formell wissenschaftliche Ansprüche auch gelegentlich
zu ein wenig herablassender Gerechtigkeit führen. Von dieser
Gattung ist z. B. sein Eingeständniss der nachtheiligen Wir
kung, welche die neue Einführung von Maschinen auf das In
teresse der Arbeiterclasse habe. lieber diesen hochwichtigen
Punkt, den ein Sismondi mehr mit Gemüth als mit endgültig
entscheidendem Verstand behandelt hat, liefert unser Autor
eine allerdings nicht zu unterschätzende Auslassung. Er sagt
uns (Cap. 31), dass er seine frühere aber nicht veröffentlichte
Ansicht geändert und sich von der Schädlichkeit der Maschi-