304 Siebentes Buch. Erstes Kapitel.
Solche Anschauungen mußten natürlich zurückwirken auf
die Stellung des Klerus. Sie gaben den Geistlichen ein un—
gemein gesteigertes Standesbewußtsein; sie zerschnitten die Zu—
sammenhänge des Standes mit anderen Ständen, mit dem
Staat, mit der Familie.
Und doch erschienen selbst die höchsten Mitglieder dieses
Standes, die Bischöfe, wenigstens in Deutschland noch als Be—
amte des Königs! Von jeher hatte das Kirchenrecht, soweit
es mit germanischen Anschauungen durchsetzt war, an ihrer
Ernennung durch den König festgehalten trotz der kanonischen
Forderung der freien Wahl; dann war unter den Ottonen und
Heinrich II. ihre Beamtennatur noch weiter ausgeprägt und
—DDDD—
Kirchengut überhaupt noch stärker betont worden; unter Kon—
rad 11. endlich war das längst übliche Geschenk des neu er—
nannten Bischofs an den König mehr wie je zu einer Art
Kaufpreis für das Amt entwickelt worden. Es war ein un—
haltbarer Zustand gegenüber der sozialen Achtung, die sich der
Klerus immer mehr errang, und schon wurde er von der
Reformströmung als simonistisch verworfen.
Der volle Aufschwung dieser Anschauung fällt in die Zeit
Heinrichs II1. Und Heinrich, von seiner Mutter Gisela fromm
erzogen, kam ihr in wichtigen Punkten entgegen. Zwar er—
nannte auch er nach wie vor Bischöfe, doch vermied er den
gang und gäbe gewordenen Verkauf ihres Amtes. Und während
sich auch die kirchliche öffentliche Meinung noch nicht unmittel—
har gegen die Ernennung der Bischöfe durch den König aus—
sprach, hat er bereits in wichtigen, mit der Ernennung zu—
sammenhängenden Fragen gelegentlich nachgegeben. Als er im
Jahre 1046 zu Speier den eluniacensisch gesinnten Abt Halinard
von St. Benignus zu Dijon mit dem Erzbistum von Lyon
belehnen wollte, weigerte sich dieser, dem König den Treueid
zu leisten: das sei gegen das Gebot Christi und gegen das des
heiligen Benedikt. Der König war schwach genug, selbst gegen
den Rat des Speierer Bischofs den Grund gelten zu lassen.
Nicht minder bedenklich war ein anderer Fall, der sich fast