thumbs: Gesellschaftslehre

136 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
einen Zustand also, bei dem insbesondere die Seele weit geöffnet ist 
für Beeinflussung. Genauer betrachtet müssen wir ausgehen von dem 
Bilde eines Gruppenlebens, in dem alle unter gleichen Verhältnissen und 
Bedingungen stehen und das geistige Leben von einem gemeinsamen 
Strome gespeist, also durchaus von der Tradition beherrscht ist. Daß 
die hier betrachtete verbale Beeinflussung eine Gleichheit der Über- 
zeugungen schafft, gewinnt erst in diesem Zusammenhang seine rechte 
Bedeutung. Wir stellen neben sie weiter die früher erörterte Tatsache 
der Gefühlsübertragung und der Nachahmung und können dann allge- 
mein sagen: diese drei Arten der Beeinflussung schaffen gleiche Be- 
wußtseinszustände, sowohl gleiche Stimmungen und Gesinnungen wie 
gleiche Verhaltungsweisen und Handlungen wie gleiche Überzeugungen. 
Es entsteht dadurch eine Gleichheit der Denkweise und des Geistes in 
der ganzen Gruppe; und eine solche entspricht dem Wesen der Gruppe 
mit ihrer Gleichheit der Lebensverhältnisse und inneren Zustände der 
einzelnen Genossen. Insbesondere wird der „Erziehung“ der einzelnen 
durch eine solche Gleichheit gedient, wie dies für den Fall der Nach- 
ahmung bereits früher erörtert wurde ($ 10,,): das menschliche Indivi- 
duum besitgt eine Reihe von plastischen Anlagen (S. 24), deren Inhalte 
im weitesten Umfang durch historische, d. h. soziale Einflüsse bestimmt 
werden. Der einzelne muß daher „lernen“; und am einfachsten ge- 
schieht dies in der Form, daß er sein Verhalten von der Umgebung über- 
aimmt. Wenn bei dieser Übernahme als Vorbilder die führenden Indi- 
viduen und die Gruppen als Ganzes, d. h. die Träger der Autorität vor 
andern Vorbildern bevorzugt werden, so ist dadurch einerseits für die 
Einheitlichkeit des Verhaltens und anderseits für die Ausbreitung der 
angemessensten oder wertvollsten Stellungnahme gesorgt. 
In weniger einfachen Verhältnissen können sich aus dem Mechanis- 
mus der Beeinflussung gewisse Verwickelungen ergeben. Hier kommt es 
vor, daß der Inhalt der Beeinflussung nicht mehr zu dem inneren Zu- 
stand der beeinflußten Individuen, zu ihrer Natur und Lage paßt. Es 
können Überzeugungen, Gefühle, Aufforderungen dargeboten werden, 
die der anderen Persönlichkeit nicht nur fremd, sondern geradezu gegen- 
säßlich sind, und die diese unter dem Druck der Überlegenheit der be- 
einflussenden Person abzulehnen nicht imstande ist. Hier gewinnt die 
Beeinflussung dann den Charakter einer Abnormität, die man als Sug- 
gyestion bezeichnen kann. 
Je mehr die Bahnen für das gesamte innere und äußere Verhalten bereits fest- 
gelegt sind, desto engere Grenzen sind der Beeinflussung gezogen. An allgemeinen 
Theorien und Dogmen, an Sitten und Überlieferungen zerschellt in der Regel der Ein- 
Auß auch der stärksten Persönlichkeit. Umgekehrt ist die Möglichkeit der Beein- 
Äussung gesteigert, wo diese Dämme niedergerissen sind. In dieser Beziehung nimmt
	        
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