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Augenblick zu der bei der Sachlage durchaus nothwendigen
Flucht mit ihr aufgefordert und sich seinem Schutz rückhaltlos
an vertraut hatte, die ärgste Betise beging, die sich denken
lässt, so verlor er von nun an deren Affection. Nicht ganz un
erfahren, scheint sie den richtigen Schluss gezogen zu haben,
dass ihr Bewerber nicht aus nachhaltiger und naturwüchsiger
Leidenschaft agirte. Sie war in Genf aus der Wohnung ihrer
Eltern, an deren Einwilligung sie verzweifeln musste, zu ihrem
Heros geflohen, hatte ihr Schicksal ihm völlig anvertraut, —
und siehe da, der grosse Mann, der starke Geist mit dem los-
gebundenen Leben hinter sich, der Held der Arbeiterbewegung,
der eigenhändige Träger des Stocks von Robespierre, der neue
.Tacobiner, der gewaltige Politiker und zugleich feine Diplomat
legte hier ein grosses Hauptzeugniss aller seiner grossen Eigen
schaften ab, indem er die Dame wieder fein säuberlich zu ihrer
Mutter in die Gefangenschaft und Lage zurückführte, der sie
sich im richtigen Vorgefühl der sonst unabwendbaren Eindrücke
und Folgen entzogen hatte. Die Verschmähung eines solchen
Vertrauens, verbunden mit der beschämenden Lection, die in
der Verwerfung ihres Schrittes lag, verträgt kein Weib; aber
der grosso Psychologe und Rechtsphilosoph hatte beschlossen,
seine Ehe auf einem andern Wege durchzusetzen und im eigent
lichen Sinne des Worts die diplomatische Vermittlung des aus
wärtigen Ministeriums in München, sowie den katholisch socialen
Beistand des Mainzer Bischofsamts zur ordentlichen Erwerbung
seines Bewerbungsgegenstandes in Anspruch zu nehmen. Von
diesen beiden Grossmächten sollte auf den Vater in beiderlei
Gestalt, mit der Macht von Staat und Kirche eingewirkt und
Alles ordentlich nach den Grundsätzen der Beamtendisciplin
und des kanonischen Schutzes erledigt werden. Auch liess
unser jüdischer Held dem Mainzer Bischof seinen Uebertritt
zum Katholicismus in Aussicht stellen. Auch abgesehen von
dem kleinen Rechenfehler, dass er die Confession seiner Dame
niclit gekannt haben soll, ist dieses pedantische, philisterhafte
und nach dom Geschäft schmeckende Verfahren charakteristisch
genug, um zu der Erinnerung zu berechtigen, dass ihm auch
die schriftstellerische Physionomie des Theoretikers Lassalle
ähnlich sieht. Dieselbe Einmischung von Pedantismus und die
selbe Verkehrung der natürlichsten Situationen in verzwickte
Umstäudlichkeiten drängt sich uns auch in der literarisch bcur-
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