Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

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Zweites Capitel. 
Ideenrichtung der socialdemokratischen Agitationen. 
Die Art, wie die Ideen sich in Organisationen und Agita 
tionen verbreiten, ist für die Schicksale der Theorie an sich 
selbst keineswegs gleichgültig. Hier sieht man, wie die rein 
speculativen Doctrinen genöthigt werden, von ihren Einseitig 
keiten oder Irrthümern wenigstens zum Theil zurückzukommen. 
Ueherdies bewährt sich hiebei aber auch der Grundsatz, dass 
die blosse Bücherexistenz der grossen Gedanken eine in meh 
reren Beziehungen unzulängliche sei. Erstens wird sie auch 
bei der besten Fassung mit einer wissenschaftlichen’ und ge 
lehrten Zurüstung ausgestattet sein, die bei dem Flugblatt und 
dem Zeitungsartikel fehlen kann und muss. Zweitens wird es 
den Büchern leichter, ihre praktische Rathlosigkeit zu ver 
decken, als den Agitationsschriften, die mit irgend welchen 
kurz und bestimmt formulirten Programmen auftreten müssen, 
wenn sie eine Wirkung haben wollen. Mit Gedanken, die blos 
die vorhandenen Thatsachen erklären und nach irgend einer 
Voraussetzung, etwa gar nur geschichtlich begreiflich machen 
sollen, ist hier nichts gethan. Es bedarf ernsthafter Construc- 
tionen der Zukunftsziele und zwar nicht blos im Allgemeinen, 
sondern mit specieller Angabe der nächsten Uebergänge, auf 
welche das unmittelbare Handeln zu richten ist. Auch vei^ 
schlägt es hier wenig, den doctrinären Propheten zu spielen 
und etwa im Voraus anzugeben, was sich ganz von selbst ver 
möge einer mechanischen Nothwendigkeit für den passiven Zu 
schauer entwickeln möchte. Nicht das Wissen um seiner selbst 
willen, sondern das Wollen, welches durch das Wissen seine 
bestimmteren Ziele erhält, wird hier der entscheidende Gegen 
stand. Die Nothwendigkeit der Wirkung auf grosse Massen 
begrenzt die Brauchbarkeit der Gedanken auf das allgemein 
Verständliche und zum Theil auch auf das Naheliegende oder 
mit Sicherheit Absehbare. Aller unnütze Luxus muss hier den 
Theorien abgestreift und jedesmal der natürliche Anknüpfungs 
punkt gefunden werden, durch welchen sie mit den Triebkräf 
ten des vollen Lebens zusammenstimmen. Die natürlichen und 
berechtigten Leidenschaften sind hier diejenigen Bestandtheile 
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