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zuwandte. Nun war sie gegen mich erbittert, da sie
sich von der Richtigkeit meiner Vorwürfe getroffen
fühlte. Schnell also ergriff sie diesen Vorwand und,
ihre Verstellungskunst zu Hilfe nehmend, begann sie ein
heftiges Geschrei, preßte Tränen auS den Augen und
rief: „Wie, du wagst es, niich, deine Schwester, schlagen
zu wollen?" Bei diesen Worten drang sie auf mich ein
und schlug nach mir. Ich wollte den Schlag erwidern,
aber meine Mutter verhinderte mich daran. Meine
Schwester jedoch lief in die Vorstube, warf sich auf
einen Stuhl und schrie und weinte, als hätte ich sie
massakriert. Da erfaßte mich namenlose Wut. Ich sah,
worauf alles berechnet war. Der Vater nmßte, da es
Essenszeit war, bald heraufkommen. Er hätte, wenn
er sie so gefunden, bald auf die Mutter gedacht, und es
wäre eine zweite Szene geworden, in deren Nachspiel
ich wohl eine bedeutende Rolle hätte spielen können.
Ich sah schon meinen geliebten Vater bleich und verstört
ohne Mittagessen zur Stube hinausschreiten, meine ge
liebte, seit einiger Zeit so unterdrückte Mutter weinend.
In einem Augenblick überdachte ich alles. Rasend
stürzte ich in die Stube, wo meine Schwester war. Bang
eilte meine Mutter mir nach. Schäumend vor Wut
warf ich mich auf die Knie, rang wie wahnsinnig meine
Hände und schrie mit einem solchen Aufwand von Kraft,
daß meine Stimme sogleich heiser wurde: „Gott, Gott,
gib, daß ich gedenke, gib, daß ich nie . . . nie dieser
Stunde vergesse... Ha, Schlange mit deinen Krokodils
tränen ... das, diese Stunde sollst du bereuen ... Bei
Gott, bei Gott, bei Gott, ich beschwöre es! Und leb'
ich fünfzig und leb' ich hundert Jahre ... ich will sie