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I. Buch. Production und Consumtion.
Man wolle aber im Auge behalten, daß dieses Anwachsen nur bis zu
einem gewissen Punkte geht. Wie zahlreich die Bevölkerung auch immer
sein mag und wie stark sich auch die Nachfrage nach den Erzeugnissen eines
Productionszweiges zeige, die Arbeitstheilung im Bereiche desselben kann nicht
ins Unendliche gehen. Man kann vielmehr von jeder Arbeitsorganisation be
haupten, daß sie bei immer höherer Entwicklung zuletzt so complicirt wird,
daß sie keinen größern Vortheil mehr gewahrt. Auch muß man sich gegen
wärtig halten, daß die starke Zunahme der Bevölkerung, welche die Arbeits
theilung befördert, später oder früher dazu führt, daß sich das schon erörterte
Gesetz der abnehmenden Einträglichkeit bethätigt (s. 2. Kap.). Es hebt also,
wie schon gesagt wurde, das Gesetz der wachsenden Einträglichkeit das der ab
nehmenden nicht auf, sondern es bedarf das erstere, um sich gegenüber dem
letztern geltend zu machen, der Beihilfe des technischen Fortschritts und der
fortschreitenden Kolonisation namentlich fremder Länder, welche eine Zunahme
der Bevölkerungszahl ermöglicht. Unter solchen Umständen kann es geschehen,
daß sich das materielle Wohlbefinden der Menschen von einem Zeitalter zum
andern gleichmäßig fortentlvickelt 1 .
1 Es muß darauf hingewiesen werden, daß gewisse Schriftsteller, wie der optimi
stische Bastiat und die Amerikaner Carey und George, die Bedeutung des Ge
setzes der wachsenden Einträglichkeit übertreiben, dagegen die Existenz des Gesetzes der
abnehmenden Einträglichkeit läugnen oder ignoriren. In einem neu cultivirten Lande
erklärt sich dieser Irrthum allerdings durch alles das, was jene Autoren vor Augen
haben. Sie sehen die gewaltige Fülle der producirten Güter und den reichlichen Konsum
und vergessen darüber, an die Möglichkeit einer Aenderung solcher Verhältnisse zu
denken. Mars hall spricht sich darüber in feilten Principles (p. 217) aus, wie folgt :
.Selbst wenn die meisten Nachbarn des neuen Ansiedlers gleich ihm Ackerbau treiben,
versorgen sie ihn allmählich mit Wegen und andern Communicationümitteln. Sie ge
währen ihm die Möglichkeit, was seinen und seiner Familie Bedürfnissen und dem
Behagen dient, um vernünftigen Preis zu kaufen und sich gleicherweise das für seine
landwirtschaftliche Thätigkeit Nöthige zu verschaffen. Sie ermöglichen es auch, daß
ärztliche Hilfe, Unterricht und Vergnügen ihm erreichbar sind. So wird der Gesichts
kreis des Farmers erweitert und seine Tüchtigkeit in verschiedener Hinsicht gesteigert.
Wenn, dann noch die benachbarte Handelsstadt sich zu einem großen industriellen
Mittelpunkte ausgestaltet, so wird der Gewinn des Landwirts weit größer. Alle
seine Producte gewinnen an Werth, und gewisse Dinge, welche er fortzuwerfen pflegte,
erlangen einen guten Preis. Er findet neue Erwerbsquellen in der Milchwirtschaft
und der Handelsgärtnerei und vermag, weil es ihm möglich ist, verschiedenartige Pro
ducte zu Markte zu führen, auch einen Fruchtwechsel in Anwendung zn bringen, in
folgedessen er seinem Boden stets Erträgnisse abgewinnt, ohne ihn eines der Bestand-
theile, von welchen die Fruchtbarkeit abhängt, zu berauben?
Das ist alles ganz richtig, aber dreierlei ist dabei nicht im Auge behalten worden:
1. daß sich diese Vortheile nicht ohne Aufhören steigern, solange die Bevölkerung zu
nimmt; 2. daß wir die Landeigenthümer, welche inmitten einer dünn gesäten ländlichen