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Zweiundzwanzigstes Buch.
an der Hurtigkeit des Rokokos, diesem elementar-stimmungs⸗
mäßigen Ausdrucke eines gläubig-optimistischen Herzens. Es
ist der stille Zug von Gebundenheit, der nicht einem Takte
der Musik Beethovens fehlt, der auch da vernehmlich anklingt,
wo der Meister in sentimentalen Stimmungen und volks—
tümlichem Tone die Romantik weniger vorbildet, als ihre
gemütliche Disposition in seiner Weise streift: es ist der
elementare Zug, der heute auf den Hörer wie das leise Mit—
hallen militärischer Schritte wirkt und ihm das Wohlgefühl
gibt: diese Musik werde niemals straucheln.
Hat nun Beethoven, bei dieser entschiedenen Ausstattung
seines Inneren, die ihn erhob und auf ihm lastete als sein
Schicksal, eine starke innere Entwicklung erlebt? In gewissem
Sinn kann man die Frage verneinen. Schon seine frühesten
Werke, die des sogenannten Jugendstils, Klaviersonaten, Violin⸗
sonaten, Quartette, rufen vernehmlich exx ungue leonem; und
insbesondere die Klaviersonaten zeigen bereits die orchestrale
Behandlung des Instrumentes, die musikalische Mitteilung
gleichsam wie aus einem Urgrund von Melodienreichtum, die
deklamatorische Eigenart, und die schweren Akzente wie die
Nervosität des Empfindens. Am deutlichsten aber ergeben
vielleicht die nicht allzuzahlreichen Lieder des Meisters das sich
ständig gleichbleibende Element seines Grundempfindens. Zwar
nicht in positiver Weise. Beethoven war selbst sein viel zu
großer Dichter, als daß er sich oft und gern an fremde Stoffe
ausgeliefert hätte, die Anschluß an ein außer ihm Quellendes
und Blühendes erforderten: es ist der Grund, warum er dem
Drama und der Kirchenmusik im ganzen fernblieb, warum seine
Hauptwerke auf diesem Gebiete, der „Fidelio“, die „Messe“,
obwohl objektiv gemeint, dennoch durchsetzt erscheinen von
persönlichster Empfindung. So konnte ihm auch an der
Komposition fremder Lieder wenig liegen; und im allgemeinen
nur den größten der von ihm verehrten Dichter hat er
musikalisch gehuldigt. Seine Kompositionen aber werden nicht
eigentlich dem Dichter gerecht, sie drücken nicht aus, was dieser,
sondern was der Musiker empfand, und insofern erlauben sie