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Bildende Kunst.
führen müssen, zumal er noch für die Gegenwart von Be—
deutung ist. Schon die Entwicklungsstufen der mittelalterlichen
Kultur erhielten durch Aufnahme antiker Elemente gelegentlich
eine andere Färbung: immer und immer wieder drängten
sich die weltgeschichtlichen Elemente in der Form klassischer
Renaissancen in den Zusammenhang der nationalen Entwick—
lung ein: bald unorganisch und dann rasch wieder fast gänzlich
ausgestoßen, wie zum größten Teil in den Renaissancen Karls
des Großen und der Ottonen, bald auch organisch und dann
in die eigene Entwicklung aufgesaugt, wie in der Rezeption von
Teilen des römischen Rechts seit den Staufern. Dann aber kam
mit dem 15. und 16. Jahrhundert und von da ab andauernd für
fast ganz Europa die größte aller organischen Renaissancen: die
echte, eigentliche Renaissance. Wie wirkte sie auf die verschiedenen
Nationen? Im ganzen kann man, sieht man vom 19. Jahr—
hundert ab, wenigstens für die drei bisher betrachteten Völker,
Deutsche, Franzosen und Engländer, je eine doppelte Periode
ihres Einflusses unterscheiden: das 15. bis 16. Jahrhundert,
und später bei den Franzosen das 17., bei den Engländern
und Deutschen das 18. Jahrhundert. Von diesen beiden
Periodengruppen war die erste, insofern eine aktive Nationali—
sierung fremder Elemente in Betracht kam, mehr vorbereitend,
die zweite dagegen ging tief in Fleisch und Blut: so wenigstens
bei den Franzosen und Deutschen; die Engländer haben sich,
wie einst schon die Angelsachsen, den klassischen Einflüssen über—
haupt weniger zugänglich erwiesen. Für Franzosen und
Deutsche aber besteht innerhalb der zweiten Gruppe der große
Unterschied, daß die Periode dieser Gruppe bei den Franzosen
noch in das Zeitalter des Individualismus, unter das Regime
Ludwigs XIV. fiel, — im 18. Jahrhundert spielen die klassi—
zistischen Bestrebungen nur noch eine Nebenrolle; ziemlich frei
von ihr, nur mehr in Äußerlichkeiten von ihr bestimmt, hat
sich die französische Kultur schon seit etwa 1730 entwickelt.
Anders in Deutschland. Hier brach die zweite, hellenische
Periode der Renaissance unmittelbar in die Jugendvorgänge
des subjektivistischen Zeitalters seit etwa 1750 hinein, gab