Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
19. Jahrhunderts. Bis in die Zeiten nach dem Kriege von 
1870/71, bis zur wiedergewonnenen Einheit waren wir den west— 
lichen Nationen in den meisten Dingen der Kultur unterlegen und 
sind es in einer Reihe der feinsten Dinge noch heute. Es muß 
das offen ausgesprochen werden; es schändet nicht; und es ist 
nach dem Verlauf unserer Geschichte leicht erklärlich. Der 
Träger der modernen Kultur ist das Bürgertum. Wann hat 
sich dies moderne Bürgertum bei den drei Nationen vergleichs— 
weise entwickelt? In England wird es in der zweiten Hälfte 
des 17. Jahrhunderts bedeutsam; die Führung der Nation be— 
ansprucht es seit Beginn des 18. Jahrhunderts. In Frank 
reich regen sich bürgerliche Interessen stärker seit etwa 1730; 
sie fiegen 1789. In Deutschland wird das Bürgertum sozial, 
in den gesellschaftlichen Vorgängen der Empfindsamkeit, tastend 
regsam seit etwa 1750, bildet zarte Ansätze eines primitiven 
politischen Verständnisses aus seit etwa 17680 — bringt es 
aber zu den ersten Bildungen politischer Parteien erst im 
19. Jahrhundert, nach jener jünglingshaften Heldenzeit während 
der Jahre der Freiheitskriege. Wirklich etwas zu sagen hat, 
führend wird es also erst im 19. Jahrhundert. 
Man muß diese hier ganz grob hingeworfenen Datierungen 
ständig im Auge haben, will man die deutsche Kultur seit 1750, 
ja will man die Zusammenhänge der europäischen Kultur der 
letzten Jahrhunderte überhaupt verstehen. Da die modernen 
Kulturfortschritte sozial auf bürgerlicher Grundlage erwachsen, 
und da die Kulturentwicklung der drei großen zentral- und 
westeuropäischen Nationen im allgemeinen durchaus denselben 
Weg nimmt, so liegt nach der soeben gegebenen Chronologie 
auf der Hand, daß die jeweils neuesten Erscheinungen der 
Regel nach in England auftauchen werden, darnach in 
Frankreich, endlich in Deutschland. Und es ist klar, daß 
das bei den Nachzüglern nicht ohne Beeinflussung seitens 
der Vorderleute geschehen wird. So erklärt es sich, daß 
Frankreich ständig eine Fülle englischer Kultureinflüsse aufge— 
nommen und mit den eigenen Entwicklungskeimen verschmolzen 
hat und noch aufnimmt und verschmilzt — von Voltaire und
	        
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