264 Neuntes Buch. Viertes Lapitel.
faltete er jene weltmännischen Eigenschaften des Geistes, die
seiner glänzenden Begabung in der internationalen Luft Siziliens
zu besonderer Schärfe anerzogen worden waren: die Liebens—
würdigkeit des Temperamentes trotz mancher, an seinen Vater
Heinrich VI. erinnernden, im späteren Alter zunehmenden Züge
der Härte, die Fähigkeit des Abwartens langsam reifender Er—
folge, den ungemein klaren Blick für die höchst erreichbaren Ziele
und das unbeirrte Festhalten daran unt der Wahl bisweilen
unsittlicher Mittel, die aristokratische Ruhe des Handelns, die
Scheu vor rohen, namentlich kriegerischen Eingriffen, ehe alle
Mittel diplomatischer Einwirkung verbraucht find, die Unerschöpf—
lichkeit des Planens und die Universalität in der Einbeziehung
scheinbar entlegener Hilfskräfte.
Bis zur Mündigkeit hatte Innocenz III., von Heinrich VI.
zum Vormund ernannt, dem jungen König die Herrschaft Si—
ziliens gewahrt; nur im Einvernehmen mit Innocenz konnte er
die ersten Schritte zum Erwerb des staufischen Heimatlandes
thun. Indem Friedrich von Papst und Fürstentum zur deut⸗
schen Krone berufen ward, schien er sofort auf die Vereinigung
Deutschlands mit der sizilischen Krone, eine der Kurie und
den Fürsten gleich unerträgliche Schwierigkeit, dadurch zu ver⸗
zichten, daß er seinen einjährigen Sohn zum König von Sizilien
krönen ließ und der Vormundschaft seiner aragonischen Ge—
mahlin Konstanze unterstellte. Darauf verließ er Sizilien, ging
unter dem Segen des Papstes nach Genua und von da auf
Umwegen ins Oberrheinthal, erschien in Chur und ward sofort
vom Bischof des Landes als König anerkaun.
Inzwischen hatte Otto von dem Unterfangen des jungen
Staufers gehört; alsbald hob er die Belagerung Weißensees auf
und eilte nach Süden. Aber schon war ihm Friedrich in der
Besetzung eines wichtigen Platzes zuvo rgekommen ; in Konstanz
hatte er freundliche Aufnahme gefunden. Und bald folgten
Basel, Speier, Mainz mit deren Bischöfen nach: der Oberrhein
war in staufischer Gewalt.
Wichtiger freilich war es, daß Friedrich die Fürsten durch
materielle Mittel nochmals an sich fesselte. Unter den Auspizien