Full text : Mittheilungen aus der Geschäfts- und Sterblichkeits-Statistik der Lebensversicherungsbank für Deutschland zu Gotha für die fünfzig Jahre von 1829 - 1878

II.  Theil.  Statistik  der  Sterbefalle.

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Dass  die  Sterbefallsummen  in  den  ersten  beiden  Jahrzehnten ­
  etwas  grösser  sind,  als  die  Versicherungssummen,  kann
daher  rühren,  dass  in  diesen  zwanzig  Jahren  verhältnissmäsig
viel  Höherversicherte  starben  ;  das  Zurücktreten  der  Sterbefallhinter
  die  Versicherungssumme  in  den  letzten  dreissig  Jahren
wird  seinen  Hauptgrund  in  dem  reichlichen  Zugänge  junger
Personen  mit  höheren  Versicherungssummen  haben  und  sich
zum  Th  eil  mit  aus  der  am  Schlüsse  des  vorigen  Theiles
(Kap.  VII)  erwiesenen  Höhe  der  Durchschnitts-Versicherungssumme ­
  der  bei  Lebzeiten  Abgegangenen  erklären.

III.  Kapitel.
Sterbefälle  nach  den  Todesursachen.
Die  Klassification  der  Todesursachen,  wie  sie  zum  ersten
Male  in  Tab.  XII  vor  Augen  tritt,  macht  keinen  Anspruch
auf  das  Lob  strenger  Wissenschaftlichkeit.  Sie  folgt  nicht
einem  einheitlichen  Plane;  denn  sie  enthält  neben  Rubriken
für  grosse  Krankheitsgruppen  gleichwertige  Rubriken  für  einzelne ­
  Krankheiten  ;  sie  ist  aber  auch  nicht  vollständig  ;  eine
grosse  Menge  wichtiger  Krankheitsformen  ist  in  der  Klasse  20
(»Sonstige  Krankheiten«)  zusammen  geworfen.  Allein  diese  Klassitication
  ist,  so  wie  sie  ist,  dem  praktischen  Bedürfnisse  erwachsen;
hervorragende  medicinische  Systematiker  und  Statistiker  haben
sie  dem  Zwecke,  welchem  sie  dienen  soll,  entsprechend  gefunden, ­
  und  sie  hat  sich  insofern  praktisch  bewährt,  als  sie  die
bekanntlich  recht  schwierige  Arbeit  der  Ordnung  einer  grossen
Zahl  von  Slerbefällen  nach  den  Todesursachen  auf  Grund  von
Ster  befa!  1  berichten,  welche  zwar,  verglichen  mit  demjenigen
Materiale,  dessen  sich  die  allgemeine  Mortalitäts-Statistik  zu
bedienen  hat,  sehr  genau  und  vollkommen  sind,  aber  sich
einer  sehr  mannigfaltigen  Nomenclátor  bedienen,  doch  ermöglicht, ­
  ja  in  recht  befriedigender  Weise  ermöglicht  hat.
Freilich  enthält  die  Misch-Klasse  20  (»Sonstige  Krankheiten«)
3104  von  22017  Fällen,  oder  14,10%  aller  Fälle.  Es  sind
dies  theils  Sterbefälle,  bei  denen  die  Todesursache  nicht  mit
Sicherheit  hatte  ermittelt,  oder  mit  Bestimmtheit  hatte  bezeichnet
werden  können,  theils  solche,  bei  denen  die  Bezeichnung  der
Todesursache  und  die  Berichterstattung  über  die  beobachteten
pathologischen  Erscheinungen  kein  genügend  deutliches  Bild
ergab,  tlieils  endlich  solche,  bei  denen  nur  ganz  vereinzelt
vorkommende  Todesursachen  zu  constatiren  waren,  so  dass  es
nicht  gelohnt  hätte,  um  ihretwillen  besondere  Klassen  zu  bilden.
Streng  genommen  sind  also  nur  85,90  %  der  Sterbefälle
nach  den  1  odesursachen  klassificirt.  Die  Klasse  3  (  Andere
Infeetionskrankheiten  «)  enthält  zwar  auch  eine  grosse  Zahl
verschiedener  1  odesursachen;  aber  neben  den  einzeln  angeführten ­
  Infeetionskrankheiten  erscheint  diese  Misch-Klasse  doch
nicht  allzu  bunt,  zumal  wenn  man  bedenkt,  dass  die  gewöhnlichen ­
  Infeetionskrankheiten  des  Kindheitsalters  hier  beinahe
ganz  ausser  Betracht  bleiben.  Man  findet  unter  den  Todesursachen ­
  dieser  Klasse  am  häufigsten  Ruhr,  Brechdurchfall,
Cholera  nostras,  Grippe,  Blattern,  Rothlauf,  Eiterfieber,  in
neuerer  Zeit  einige  Male  auch  Trichinose.
Eine  etwas  gemischte  Klasse  ist  endlich  noch  die  Klasse  22
(»Verunglückungen«).  Da  sie  im  Ganzen  nur  1,37%  der  Fälle
enthält,  schien  es  nicht  zweckmäsig,  aus  dieser  einen  mehrere
Klassen  zu  bilden.  So  mussten  freilich  7  Ermordungsfälle  und
einige  Fälle  der  Tödtung  im  Kriege,  neben  den  gewöhnlichen
Unfällen  durch  Ertrinken,  Todtfallen,  Ueberfahreuwerden,  Verbrennen ­

  u.  s.  w.  mit  aufgeführt  werden.  Dass  hier  selbst
ein  Enthauptungsfall  mit  gezählt  ist,  hat  selbstverständlich  nur
den  Grund,  dass  dieser  Fall  in  keiner  anderen  Klasse  mit  auch
nur  gleicher  Berechtigung  Platz  hätte  finden  können.
Unsere  an  Tab.  XII  anknüpfenden  Betrachtungen  sollen
den  Gegenstand  in  drei  Richtungen  beleuchten:  1)  wollen  wir
das  Gewicht  der  einzelnen  Todesursachen  überhaupt  und  für
die  ganze  fünfzigjährige  Periode,  2)  wollen  wir  die  Veränderungen ­
  dieses  Gewichtes  in  den  einzelnen  Jahrzehnten,  und
endlich  3)  die  Beziehungen  zwischen  den  Sterbefallsummen
!  und  den  Todesursachen  ins  Auge  fassen.
Lassen  wir  die  Klasse  20  (»Sonstige  Krankheiten«)  ausser
Betracht,  so  rangiren  die  Todesursachen,  hingesehen  auf  die
Zahl  der  Fälle,  in  der  ganzen  fünfzigjährigen  Periode  folgender-I
  maasen  :

I.  Kl.  18  (Gehirn-Schlagfluss)

mit  Procent
Fällen  aller  Fälle
2671  =  12,13
2560  =  I  1,63

2.  »  4  (Lungenschwindsucht)
3.  »  U  (Entzündl.  Krankheiten  der  Organe
der  Brusthöhle)
4.  »  23  (Altersschwäche)
5  )  I  (Typhus)
6.  »  13  (Chron.  Herzkrankheiten)
7.  »  5  (Krebs)
8.  »  IO  (Chron.  Gehirn-  u.  Rückenmarkskrankheiten) ­

9.  »  3  (Andere  Infeetionskrankheiten)
10.  >  15  (Chron.  Leberkrankheiten)
11.  »  12  (Chron.  Entzünd,  und  Katarrhe  der
Lungen  -  Schleimhaut  und  Lungen-Emphysem)

12.  »  19  (Lungen-Schlagfluss)
13.  »  14  (Unterleibs-Entzündung)
14.  »  21  (Selbstentleibung)
15.  »  22  (Verunglückung)
16.  »  16  (Bright’sche  Krankheit)
17.  »  2  (Asiat.  Cholera)
18.  »  17  (Aeussere  Schäden  u.  Geschwüre)
19.  »  6  (Gelenk-Rheumatismus)
20.  »  9  (Gehirn-Entzündung)
21.  »  7  (Diabetes  mellitus)
22.  »  8  (Geisteskrankheiten)
Auf  die  fünf  ersten  Todesursachen  ist  beinahe  die  Hälfte
aller  Sterbefälle,  auf  die  sieben  ersten  sind  13196  von  22017,
oder  beinahe  60  %  aller  Sterbefälle,  zurückzuführen.  Auch
abgesehen  von  ihrem  verschiedenen  Zahlengewicht  sind  diese
Todesursachen,  wie  die  anderen  alle,  selbstverständlich  von  sehr
verschiedener  Bedeutung  für  die  Lebensversicherung.  Altersschwäche ­
  z.  B.  und  Gehirnschlagfluss,  welcher,  wie  wir  weiter
unten  sehen  werden,  auch  vorzugsweise  die  Reihen  der  älteren
Versicherten  lichtete,  sind  mit  ihren  zusammen  19,41  %  weit
weniger  gewichtig,  als  es  die  Lungenschwindsucht  mit  ihren
11,63%  ist.  Jene  19,41%  enthalten  kaum  eine  Lehre  oder
Mahnung  für  den  Versicherungsmann  ;  diese  11,63  %  —  obwohl
keineswegs  ein  hoher  Procentsatz  im  Vergleich  mit  anderweit
gemachten  Beobachtungen  !  —  reden  eine  sehr  laute  und  vernehmliche ­
  Sprache  und  fordern  dringend  auf  zu  immer  erneuter
Wachsamkeit  und  Vorsicht.  Während  doch  einige  der  verheerendsten ­
  anderen  Todesursachen  im  Laufe  der  Jahrzehnte
in  ihrer  verheerenden  Wirkung  einigermaasen  abgeschwächt
worden  sind,  behauptet  die  Lungenschwindsucht  im  Wesentlichen ­
  durch  alle  Jahrzehnte  ihren  hohen  Rang  unter  den
Todesursachen.  Einige  Beruhigung  mag  es  gewähren,  dass
der  Procentsatz  der  Opfer  dieser  verheerenden  Krankheit

2397  =
1603  =
1576  =
1279  =
1110  =
914  =
629  =
563  =

542  =
498  =
468  =
410  =
302  =
298  =
291  =
245  =
201  =
180  =
93  =
83  =

10,39
7,28
7,16
5,81
5,04
4’15
2,96
2,56

2,46
2,26
2,13
1,86
1,37
1,05
1,32
Uli
0,91
0,32
0,42
0,38
            
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