60
y. Theil. Statistik der Sterblichkeitsverhältnisse.
Zahlen der Sterbefälle überall schon genügend grosse waren.
Es bleibt also nichts Anderes übrig, als anzunehmen, dass wir
es mit natürlichen Sterblichkeitsdifferenzen der beiden Beob
achtungsgebiete zu thun haben, dass die Sterblichkeit überhaupt
oder wenigstens die Sterblichkeit derjenigen Klassen, aus denen
Versicherte hervorzugehen pflegen, in England in der That
anders verläuft wie in Deutschland. Für die Richtigkeit der
letzteren Annahme sprechen auch die allerdings nicht so sicheren
Resultate der allgemeinen Sterblichkeits-Statistik, wie aus den
nachstehenden Zahlen ersichtlich sein wird.
Es beträgt der Sterblichkeitsprocentsatz Differenz
Alter, für Sachsen (nach für England (nach zu Gunsten von Heym —,
Heym, M. u. Fr.). Farr, M. u. Fr.), zu Gunsten von Farr +•
20
30
40
SO
60
70
80
90
0,73
0,38
1,16
1,79
3,7«
8,69
I 8,60
37,50
0,84
1,03
1,29
1,75
3,07
6,38
13,55
25,48
*4"
+
+
+
o,n
0,15
0,13
0,04
0,69
2,31
5,05
-f- 12,02
Ein ähnliches Resultat ergiebt sich auch bei der Ver
gleichung der Farr’schen Zahlen mit anderen deutschen Sterb
lichkeits-Tabellen, welche der allgemeinen Statistik entnommen
sind, z. B. mit der neuen für Preussen (vergl. Tabelle 1 des
folgenden Kapitels), nur dass hier — wegen der vielfach höheren
Sterblichkeitsprocentsätze der letzteren in den jüngeren und
mittleren Altersklassen — die Differenzen zu Gunsten der
deutschen Beobachtungen sich auf eine geringere Zahl von
Altersklassen beschränken.
Die Sterblichkeitsprocente der hannoverschen Anstalt (Witt
stein, Mathematische Statistik) basiren auf so geringen Zahlen,
dass wir dieselben nur beigezogen haben, weil sie die einzigen
sind, welche von einer anderen deutschen Anstalt vorliegen.
Die sehr hohe Sterblichkeit der hannoverschen Tabelle für die
Alter unter 45 wird sich vielleicht auf das frühere Prämien
system dieser Anstalt (steigende Prämien) zurückführen lassen,
welches weniger als das System der gleichmäsigen Prämien
geeignet sein wird, die gesunden Leben dauernd an die Anstalt
zu fesseln. Dagegen fehlt für die auffallend geringe Sterblich
keit in den höheren Altersklassen, welche theilweise selbst
unter die der englischen Gesellschaften hinabsinkt, die Erklärung,
wenn man nicht annehmen will, dass die Sterblichkeitsver
hältnisse der Geschäftsgebiete der Gothaer und der Hannover
schen Anstalt — das Geschäftsgebiet der letzteren hat sich in
früheren Jahren hauptsächlich auf Hannover beschränkt, —
wirklich so auffallend differiren.
Die nachstehende Tabelle zeigt die Mortalität oder richtiger
die Vitalität der bei Gotha Versicherten und einiger anderer
Personen - Complexe unter Zugrundelegung eines neuen Maas
stabes, nämlich der mittleren Lebensdauer. Die Zahlen für
Gotha sind der Tabelle XXXIV entnommen, die Zahlen der
Compagnie Générale der Insurance Cyclopaedia von Walford
(Vol 4).*)
Tabelle 3.
Mittlere Lebensdauer.
Alter
Gotha
(Männer u.
Frauen)
Babbage
Gotha
17 engl.
Gesellsch.
20 engl.
Gesellsch.
(unausgegl.)
Compagnie
Générale
(unausgegl.);
Sachsen
(Heym)
20
25
30
35
40
45
50
55
60
65
70
75
80
85
42,22
38,64
34,69
3 0 *80
26.94
23,13
19,51
16,09
12.95
10,15
7,83
5,88
4,20
2,99
40.7
37.0
33.5
30.0
26.6
23,3
19,9
16.8
13.8
10.8
8.0
5.4
3.4
2.1
44,49
37,98
34.43
30,87
27,28
23-69
20.18
l6,86
43,77
10,97
8,54
6,48
4,78
3,3«
44.98
38,44
34,7 5
34,15
27,57
23.98
20,51
17,14
13.99
I 1,17
8,68
6,56
4.93
3,58
44,87
38,52
34,49
30.75
26.95
23,18
19.75
16,33
12.95
10,31
8,07
6,55
5.60
3,19
39-31
35,70
32.09
28,54
25,00
21,47
4 8,03
14.74
I 4,74
9,08
6,88
5.19
3-91
2,75
Heber den Werth einer Vergleichung nach der mittleren
Lebensdauer sind die Meinungen getheilt. Einige Statistiker
und Techniker befürworten sie, weil nach ihrer Ansicht der
: allgemeine Character einer Beobachtung in der mittleren Lebens
dauer den einfachsten und deutlichsten Ausdruck findet, andere
dagegen verwerfen sie gänzlich (darunter Fischer in seinen
»Grundzügen des auf menschliche Sterblichkeit gegründeten
Versicherungswesens«, Oppenheim i860), weil die mittlere
Lebensdauer die besonderen Eigentümlichkeiten der Sterblicb-
! keitscurve nur unvollkommen wiedergiebt. Man wird zuge-
\ stehen müssen, dass die mittlere Lebensdauer in der Thal nur
einen ungeeigneten Maasstab für die Beurteilung der Vitalität
abgiebt, dass dieselbe aber zu der populärsten Form einer
Sterblichkeitstafel führt, daher immerhin eine gewisse Berück
sichtigung verdient, und in einem Werke wie dem vorliegenden
nicht ganz ausser Betracht gelassen werden darf. — Was die
Resultate der obigen Uebersicht an betrifft, so ergeben dieselben,
soweit sie sich auf Thatsachen beziehen, welche bereits in den
früheren Tafeln berücksichtigt waren, im Allgemeinen das
nämliche Bild, wie es bereits dort vor Augen trat. Die Zahlen
der Gothaer Bank sind auch hier für alle Alter günstiger, als
nach der Sächsischen Tafel, und ebenso zeigen sie gegenüber
den englischen Zahlen anfänglich einen günstigeren, später
einen ungünstigeren Verlauf. Die Kreuzungspunkte der eng
lischen und der Gothaer Erfahrungen sind aber hier nicht
unwesentlich zu Ungunsten der letzteren verschoben. Während
sie früher in den Altersklassen 51 bis 55 und 56 bis 60 lagen,
fallen sie hier auf die Altersklassen unter 30 und unter 35
(resp. für die Bankliste unter 45). Die genaueren Kreuzungs
punkte sind für die siebzehn englischen Gesellschaften das Alter
zwischen 34 und 35, für die zwanzig englischen Gesellschaften
das Alter 29 und für die Bankliste resp. 42 und 76 bis 77,
indem von dem letzteren Alter ab die Lebensdauer für Gotha
wiederum günstiger wird. Die Erfahrungen der Compagnie
Générale zeigen für gewisse Alter eine grosse Uebereinstimmung
mit Gotha; im Allgemeinen weisen sie auf eine Sterblichkeit
hin, welche zwischen derjenigen der zwanzig englischen Gesell
schaften und Gotha liegt.
*) Die Erfahrungen der Compagnie Générale, welche sich auf die
Jahre 1837—72 beziehen und insofern ein besonderes Interesse bean
spruchen dürfen, als sie die einzigen sind, welche über versicherte Lehen
in Frankreich existiren, sind in den früheren Tafeln lediglich deshalb
nicht berücksichtigt worden, weil die Form, in welcher sie in dem
Walford’sehen Werk erscheinen, dies nicht znliess.