354 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
subjektivistische, und zwar in seiner ersten, empfindsamen Er—
scheinungsart, hervor.
Freilich waren die meisten „Bremer Beiträger“ reiner Ob—
servanz nur mäßige Dichter. Gewiß vertraten sie den neuen
Geist, aber sie taten es im ganzen genüglich und fern jedem
Gedanken einer durchgreifenden Umwälzung. Nur einige ragten
aus ihnen schließlich als Träger bedeutenderer Erzeugnisse und
stärkerer Neuerungen hervor, so vor allem Johann GElias
Schlegel, Rabener und Gellert.
Im Drama führte Johann Elias Schlegel, der früh Ver—
storbene (1718 -1749), über Gottsched hinaus. Unmittelbar
von den Griechen ging er aus; als Alumnus in Schulpforte
hatte er 1737 seine „Iphigenie“ allein nach Euripides“ „Iphi—
genie“ gedichtet. So trat ihm die Technik des französischen
Dramas von vornherein als etwas Fremdes entgegen und er
wollte nichts wissen von seinen Intrigen und romanhaften
Verschlingungen: er zuerst hat die Einfachheit der Alten für
das Schauspiel verkündet. Und indem er die Handlung ver—
einfachte, legte er allen Nachdruck auf ein tieferes Erfassen der
Charaktere: so hat er seinen „HHermann“ (Arminius), so seinen
„Sertus Tarquinius“ und seinen „Canut“ (1746) gedichtet, so
auch im Lustspiel („Triumph der guten Frauen“) Ausgezeichnetes
geschaffen.
Da lag es denn auf der Hand, daß seine Richtung ihn
an der Hand der Alten und des von ihm schon in tiefen
Ahnungen begriffenen Shakespeare, der seit 1741 den Deutschen
bekannter wurde, zum psychologischen Drama, zum Drama des
Subjektivismus, führen mußte: und er besaß, wie vor allem
der „Canut“ zeigt, eine genügende Gabe der Menschenkenntnis,
um eine gute Strecke des schwierigen Weges rasch und mit
eins zu vollenden. Da, im besten Zuge, infolge seiner Ver—
pflanzung nach Dänemark auch durch eine lebendige Einsicht in
eine große Bühne, die Kopenhagener, gefördert, starb er früh—
zeitig im Jahre 1749; und niemand, weder Cronegk noch Weiße
noch Brawe, wußte den von ihm eingeschlagenen Pfad fürbaß
zu wandern.