340 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Es ist etwa die Situation der ersten Hälfte des Jahres
1808. In dieser Zeit wurden zwischen Napoleon und dem
Zaren Alexander Verhandlungen gepflogen, denen zufolge die
asiatischen Länder der Türkei und die türkischen Küstengebiete
der Adria nach einem Kampfe gegen die Türkei an Frankreich,
das linke Donauufer dagegen hinab bis zu seiner Muindung
an Rußland fallen und Konstantinopel eine neutrale Handels⸗
ttadt werden sollte; Osterreich würde dabei mager mit Serbien
und Bosnien abgefunden worden sein.
Diese Aussichten nun waren es, die das Wiener Kabinett
an erster Stelle heftig bewegten. Hatte Österreich nicht
seit Passarowitz, wenn nicht schon früher, die Straße nach
Konstantinopel als den Weg eben seiner Eroberungen an—
gesehen? Und rechnete es nicht wenigstens mit Bestimmtheit
auf einen Durchbruch nach Saloniki? Und jetzt sollten diese
orientalischen Gewinne Frankreich leichten Kaufes zufallen — in
demselben Momente, da die Sache Napoleons in Spanien keines⸗
wegs günstig stand? Graf Stadion, der geistreiche und mutige
Lenker der österreichischen Politik in dieser Zeit, schritt zu
Gegenmaßregeln fort. Er konnte damit rechnen, daß die
hinterlistige Art, in der Napoleon die Herrschaft der spanischen
Bourbons beseitigt hatte, an allen legitimen Höfen Europas
Abscheu und Furcht vor einem verwandten Schicksal hervor⸗
gerufen hatte. Er klopfte bei Preußen an, indem er zugleich
neben dem österreichischen das gemeinsame deutsche Interesse
betonte, und erhielt von Stein die Antwort, das Land werde
die erste schickliche Gelegenheit ergreifen, um am Kampfe Oster⸗
reichs gegen Napoleon, der sich in Rüstungen schon länger vor⸗
bereitete, teilzunehmen. Er versuchte endlich gemeinsam mit
Preußen auf den Zaren zu wirken.
Es war eine Lage, die für Napoleon leicht zu einer
Koalition der mittel- und osteuropäischen Mächte hätte führen
können. Der Kaiser übersah sie sehr wohl und kam ihrem
Ausreifen durch persönliche Einwirkung auf den Zaren und
persönliche Machtenfaltung mitten im deutschen Lande zuvor.
Denn dies war der eigentliche Zweck jener glanzvollen Tage,