Neue Dichtung.
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des modernen psychologischen Romans gegeben waren; und
ihre vollendeten Erzeugnisse, vor allem die Romane Richardsons
(„Pamela“ 1740, „Grandison“ 1753) fanden in Übersetzungen
weite Verbreitung auch in Deutschland.
Was aber wollte ihr Einfluß gegenüber dem der franzö—
sischen Entwicklung besagen, die, nach manchen durch englische
Einwirkungen unterstützten Anfängen, in den großen Romanen
Rousseaus, der „Neuen Héloise“ von 1760 und dem „Emil“
von 1762 gipfelte! Wie in Frankreich wurden Rousseaus
Bücher auch in Deutschland gierig verschlungen; und allent—
halben begegnet man Spuren ihres Wirkens, in der Literatur
wie in der Entwicklung des Seelenlebens überhaupt.
Das, was sie auszeichnet, die durchgeführte Schilderung
eines Charakters, hatte man allerdings in Deutschland seit
Mitte des 18. Jahrhunderts auch schon versucht, und es waren,
hervorgehend aus einem immer mehr verbreiteten psychologischen
Interesse, Romane entstanden, deren Gestalten sich günstigen⸗
falls nach Tiefe und Breite der Auffassung etwa der gleich—
zeitigen oder wenig späteren Porträtkunst eines Mengs oder
Graff vergleichen lassen. Allein keines von diesen Büchern
—
reichen, war Goethes „Werther“ vorbehalten geblieben. Durch
ihn aber wurde Rousseau in Deutschland wirklich geschlagen,
wenn auch teilweise mit seinen eigenen Waffen, denn der
Zusammenhang selbst der Form von „Werthers Leiden“ mit
den Romanen des Genfers ist offenbar.
Werther ist schon ein durch und durch subjektivistischer
und insofern moderner Romanheld; erfüllt erscheint in ihm
bereits die Forderung der älteren Romantik, daß es, „um
einen Roman berühmt zu machen“, genüge, „wenn ein durch—
aus neuer Charakter darin auf eine interessante Art dargestellt
und ausgeführt wird'. Wie aber erfolgte diese Ausführung
in „Werthers Leiden“? Wie schon der Titel deutlich zeigt,
ist der Held ein passiver Charakter: keine Spur von dem
Tatendurst früherer Romanfiguren: entschlußlangsam lebt er
in Empfindungen, und indem er sich bewußt in ihnen schaukelt,