Full text : Antike Wirtschaftsgeschichte

152  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
Die  Klöster  und  Kirchen,  welche  Güter  besaßen,  erhielten  von  den
Ansiedlern,  Pächtern,  halbfreien  und  unfreien  Kleinbauern,  Colonen
und  Sklaven  einen  Bodenzins,  der  meist  ganz  oder  zum  Teil  in
natura,  in  Quoten  vom  Rohertrag,  später  aber  auch  in  festen
Mengen  Getreide  und  andern  Objekten  bezahlt  wurde.  So  konnte
die  Kirche  die  Kornspeicher  mit  Getreide  füllen,  das  wie  ehedem
aus  Sizilien  kam  und  dort  von  den  Beamten  der  Kirche  zum
Teil  gekauft,  zum  größeren  Teil  von  den  Kirchbauern  eingetrieben
wurde.  Die  an  die  Scholle  gebundenen,  persönlich  freien  Leute
nebst  den  übrigen  Kategorien  der  Unfreien  und  Vollfreien,  die
untereinander  oft  wieder  in  Abhängigkeitsverhältnissen  standen,
bildeten  einen  Grundstock  der  kirchlichen  Wirtschaftsordnung,  die
sich  im  Mittelalter  voll  entfalten  sollte.  Als  das  alte  Reich  sich
auflöste,  bildeten  sich  im  Osten  in  Antiochia  und  Alexandria  und
im  Westen  in  Rom  neue  kirchliche  Organisationen.  Am  Ende  des
8.  Jahrhunderts  sehen  wir  die  zwei  großen  Gewalten  einander
gegenüberstehen,  die  jede  in  ihrer  Art  an  des  römischen  Reiches
Herrlichkeit  anknüpften:  Kaisertum  und  Papsttum.
Wie  wenig  bestimmt  die  Stellung  des  Christentums  zu  wirtschaftlich ­
  sehr  bedeutsamen  Institutionen  war,  kann  man  aus
seinem  Verhältnis  zur  Sklaverei  ersehen.  Wie  die  alten  Heiden
den  geborenen  Knecht  kannten,  indem  sie  angeborene  Defekte  des
Charakters  und  des  Intellekts  annahmen,  so  kannten  die  Christen
einen  angeborenen  moralischen  Defekt.  Daß  ein  ganzer  Menschenschlag ­
  aber  zur  Sklaverei  verdammt  werden  könne,  dafür  war
ein  Bibelwort  leicht  zur  Hand:  die  Verfluchung  Hams  durch
Noah:  1.  Moses  9,  25  „Verflucht  sei  Kanaan!  als  niedrigster
Sklave  soll  er  seinen  Brüdern  dienen!  26.  Dann  sprach  er:
Gepriesen  sei  Jahwe,  der  Gott  Sems;  aber  Kanaan  soll  ihr
Sklave  sein!  27.  Weiten  Raum  schaffte  Gott  für  Japhet,  und
er  wohnte  in  den  Zelten  Sems;  aber  Kanaan  soll  ihr  Sklave
sein!"  Der  Naturzustand  ist  freilich  frei,  führten  manche  aus
(Augustinus,  Von  der  Gemeine  des  Herrn  XIX,  15),  aber  die
Sünde  hat  Sklaven  geschaffen.  Die  Entstehung  der  Sklaverei
wurde  von  manchen  aus  Gottes  Gericht  erklärt,  das  ohne  jede
Ungerechtigkeit  sei.  So  wurde  denn,  in  Übereinstimmung  mit  vielen
Lehren  der  ersten  christlichen  Zeit  verkündet,  daß  der  Sklave
seinem  Herrn  ohne  Falsch  dienen  sollte,  mit  seinem  ganzen  Herzen
und  seiner  ganzen  Seele.  Wie  die  Bibel  manchen  Theologen  dazu
diente,  den  geborenen  Sklaven  zu  beweisen,  so  diente  sie  anderer-
            
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