Full text: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

33 
wichtigste Industrie ist „diejenige, welche die meisten Hände be 
schäftigt, namentlich die meisten selbständigen Hände, die am meisten 
den Charakter der Kleinindustrie bewahrt hat“ 1 ). Demgegenüber be 
tonte Professor G. Schm oller mit Recht, es gebe viele volkswirt 
schaftliche Schwache, die besser zugrunde gingen, als erhalten würden, 
er verlange Schutz einer an sich lebensfähigen, aber im Moment hart 
bedrängten Industrie 1 2 ). Vom volkswirtschaftlichen Standpunkt, speziell 
vom sozialen aus betrachtet, ist es nur mit Freuden zu begrüßen, 
wenn die Garnzollerhöhung zu einer Einschränkung des unrentablen 
Kleinbetriebes der Weberei führte, denn es Hegt auf der Hand, daß 
ein gesetzgeberischer Einfluß in sozialer Hinsicht an den unkontrollier 
baren Arbeiterverhältnissen des Weberei-Verlagssystems und der 
selbständigen Hausweberei auf schwer überbrückbare Schwierigkeiten 
stoßen muß. Der Weberei-Kleinbetrieb wird nur da dem Großbe 
trieb vorzuziehen sein, wo es sich um eigentliche Kunstweberei handelt. 
Die höhere Verzollung der Feingarne beruhte auf der Annahme 
der Spinner, daß nur ein kleiner Teil der Garnimporte aus solchen 
Nummern bestände, die in Deutschland keinesfalls herzustellen seien, der 
größere Teil derselben aber unter entsprechendem Zollschutz entbehrlich 
gemacht werden könne. Bestimmte Anhaltspunkte dafür, statistisches 
Material, lagen allerdings nicht vor. Deshalb bezeichnen W. Lotz 3 ) 
und J. Gensei 4 ) die Feingarnzölle in gleicher Weise als ein Experi 
ment. Lotz bestreitet das Gelingen desselben vollständig, Gensei 
sieht darin eine unberechtigte Bevorzugung der Spinnerei-Aktien 
gesellschaften und einzelner großer Spinnereien gegenüber den „Inter 
essen der vorwiegend als Hausindustrie betriebenen und großenteils 
auf Export angewiesenen Weberei, Wirkerei, Posamentenfabriken usw.“. 
Es ist leider nicht möglich zu entscheiden, ob nach Inkrafttreten des 
Zolltarifs die Einfuhr feiner Garne aus England und der Schweiz im 
Vergleich zu früher nachgelassen hat, denn unsere Handelsstatistik 
liefert erst seit 1880 eine Einteilung der Garne nach Nummern, ent 
sprechend derjenigen des Zolltarifs. Tatsache ist, daß sowohl die 
Spinnerei feiner Garne vereinzelt neu aufgenommen und fortgesetzt 
werden konnte, als auch, daß der Weberei nicht nur kein Schaden 
erwachsen ist, sondern, wo sie mit Spinnerei verbunden war, sogar 
Vorteil. 
Die größte Hoffnung der süddeutschen Spinner hat sich freilich 
1) Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. XVI, Leipzig 1879, S. 19. 
2) Ebenda S. 19. 
3) A. a. O. S. 175- 
4) A. a. O. S. 83. 
Abhandlungen d. ataatsw. Seminars z Jena, Bd. III, Heft 3. 3 
Loch in ü Iler, Entwicklung der deutschen Baumwollindustrie.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.