fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 691 
Pfarreien in Preußen mit rund acht Millionen achthundert⸗ 
tausend Seelen elfhundertunddrei mit zwei Millionen fünfund⸗ 
achtzigtausend Seelen verwaist: fast ein Viertel aller Katholiken 
entbehrten der ordnungsmäßigen Seelsorge. 
Das war nun eine Lage, welche die klerikale Partei in der 
Kirche wenig anfocht: im Gegenteil, eben in ihr sah sie den 
tiefsien Rückhalt, aus ihr erwuchsen ihr die unterirdischen 
Aräfte, die sie gegen die Regierung in Bewegung setzte. Für den 
Staat dagegen war die Situation nicht ohne Bedenken. Mochte 
sie in den deutschen Gebieten des Reiches noch nicht ohne 
weiteres zur Entfremdung der Bevölkerung vom nationalen Ge⸗ 
— DV— 
die durchaus katholisch waren, von Jahr zu Jahr mehr zu 
einer antideutschen Agitation benutzt: wie früher, so erschien 
hier jetzt erst recht polnisch und katholisch als dasselbe; und 
es wuchsen Zustände einer nationalpolnischen Gegnerschaft gegen 
Preußen und das Reich heran, die später noch sehr beklagt 
worden sind. 
Der Staat fand daher in diesen Zusammenhängen einen 
unumgänglichen Anlaß den Frieden zu suchen; der Teil der 
Kulturkampfgesetzgebung, der die Seelsorge der Massen zum 
Stillstand gebracht hatte, mußte beseitigt werden. Die Regierung 
folgte diesen Erwägungen, indem sie am 20. Mai 1880 eine 
Besetzesvorlage betreffend „Abänderungen der kirchlichen Ge— 
setze“ im Abgeordnetenhause einbrachte. Diese Vorlage ent— 
sprach im wesentlichen der Absicht, in den verwaisten Pfarreien 
die Seelsorge wiederherzustellen, in den erledigten Bistümern 
eine ordentliche Diözesanverwaltung einzusetzen und den Orden, 
die sich ausschließlich der Krankenpflege widmeten, neue Nieder⸗ 
lassungen zu gestatten. 
Natürlich war dies selbständige Verfahren der Kurie und 
dem Zentrum unerwartet und unbequem. Zur gegenseitigen 
Verständigung reiste darum während der parlamentarischen 
Pfingstferien je ein Mitglied des Zentrums nach Rom und nach 
Wien zum dortigen Nuntius: der Rat des Papstes wie un— 
abhängig davon der Rat der kurialen Diplomatie sollte gehört
	        
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