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Herr Professor Hekfferich.
(29. Oktober 1904)
Unter dem Titel „Die finanzielle Seite des russisch-japanischen
Krieges hat Professor Dr. Helfserich, Wirklicher Legationsrat, einen
umfangreichen Aufsatz in der „Marine-Rundschau" veröffentlicht. Die
Kritik dieses Aufsatzes gibt Gelegenheit, einmal prinzipiell der Legende
von den russischen Finanzen auf den Leib zu rücken. Herr Professor
Helfserich hat einen guten Namen als Nationalökonom, er hat nament
lich in der Goldwährungssrage wertvolle Aufsätze verröffentlicht. Herr
Professor Helfserich ist aber zugleich Wirklicher Legationsrat, und als
solcher scheint er die Sympathien zu teilen, welche in seinem Amt, sei
es wirklich, sei es wenigstens nach außen, für Rußland gehegt werden.
Es mag dahingestellt bleiben, ob der Russenkurs im Auswärtigen Anit
dahin geht, daß man auch für den Kurs der Russen Sympathien hegt.
Sicher ist jedenfalls, daß ein Angestellter des Amtes einen derartigen
Artikel in der „Marine-Rundschau" wohl nicht veröffentlicht hätte, ohne
der Billigung seines hohen Chefs sicher zu sein. Darin liegt die Be-
deutung des Artikels, welcher im übrigen seines wissenschaftlichen Wertes
wegen eine Besprechung wahrlich nicht verdienen würde. Denn den
Artikel hat nicht der Professor Helfserich geschrieben, sondern der
Wirkliche Legations rat Helfserich, und von dem Professor hat
er nicht die wissenschaftliche Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit über
nommen, sondern nur die wissenschaftlichen Allüren und die scheinbare
Objektivität. Dagegen hat ihm der Wirkliche Legationsrat die Kunst
geliefert, die Tatsachen zu färben. Unter dem Schein der Objektivität
soll beim Leser die Ueberzeugung erweckt werden, als ob die finan
ziellen Kräfte Rußlands denen Japans überlegen genug seien, um dieses
im Kriege finanziell zu erdrücken. Insofern Helfserich, um diesen Ein
druck zu erwecken, sich auf Argumentationen beschränkt, dem Leser aber
das genügende Material geliefert hätte, um sich sein Urteil selbst zu
bilden, wäre weniger dagegen zu sagen. Leider darf ihm der Vorwurf
nicht erspart bleiben, sogar seine Zahlen willkürlich und tendenziös
zusammengestellt zu haben, wenn man nicht zu seiner Entschuldigung
die Hypothese ausstellen will, daß er sein Material vom russischen
General-Konsul in Königsberg oder der russischen Botschaft in Berlin
sich hat zusammenstellen lassen, und daß diese — um den hübschen
Ausdruck des Herrn Landgerichts-Direktors in Königsberg zu gebrauchen
Professor oder
Legationsrat
tzelfferich?