Full text : Russlands Bankerott

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Der  Börsen-Souriet.


Die  Anstandstante
  Voß.

Die  Kampfesweise ­
  der
Vosfin.

Lesern  des  Plutus  gehören,  möglichst  schnell  Kenntnis  zu  geben.  Durch
die  Annoncenexpedition  der  Aktiengesellschaft  Haasenstein  &  Vogler  sandte
der  Plutus-Verlag  verschiedenen  großen  Tageszeitungen  entsprechende
Annoncen.  Vom  „Berliner  Börsen-Conrier"  und  der  „Vossischen  Zeitung"
wurde  diesen  Ankündigungen  die  Aufnahme  verweigert.  Ganz  ohne
Zweifel  einzig  und  allein  deshalb,  weil  sie  die  Ueberschrift  „Der  russische
Staatsbankerott"  trugen.  Denn  die  Zahlungsfähigkeit  der  Gesellschaft
Haasenstein  &  Vogler  ist  doch  wohl  über  jeden  Zweifel  erhaben,  und
daß  etwa  meine  polemischen  Auseinandersetzungen  mit  Herrn  Salomon
oder  Herrn  Lessing  den  Grund  für  die  Ablehnung  gegeben  haben
könnten,  ist  schon  deshalb  ausgeschlossen,  weil  beide  Blätter  noch  vor
nicht  allzu  langer  Zeit  Annoncen  des  Plutus-Verlages  aufgenommen
haben.  Aber  vom  russischen  Staatsbankerott  darf  bei  ihnen  eben  nicht
gesprochen  werden,  und  sie  weisen  mit  stolzer  Gebärde  Annoncen,  die
zwanzig  Mark  kosten,  zurück,  weil  —  das  Russenkonsortium  größere
Annoncen  aufgibt.
Vom  Börsen-Courier  wundert  mich  dies  Gebaren  nicht.  Er  ist  nun
einmal  das  Anzeigenblatt  der  hohen  Finanzwelt,  seine  ganze  materielle
Existenz  beruht  auf  diesem  intimen  Verhältnis,  seine  Redaktion  greift
den  Reichsbankpräsidenten  an,  wenn  er  sich  dem  Willen  der  imuts  bangus
nicht  fügen  will,  sie  macht  dem  Reichskanzler  klar,  daß  er  Deutschlands
Industrie  schädigt,  wenn  er  sich  den  Wünschen  der  Herren  Mendelssohn ­
  &  Co.  verschließt,  sie  behandelt  die  Mitglieder  des  Berliner  Magistrats ­
  wie  grüne  Jungen,  weil  sie  nicht  nach  der  Pfeife  der  Großen
Berliner  Straßenbahn  tanzen,  weshalb  sollte  das  Blatt  mich  und  meinen
Verlag  besser  behandeln  wie  gefürstete  Herren  und  Exzellenzen?
Ein  ander  Ding  aber  ist's  um  die  Vossische  Zeitung.  Sie  pratscht  sich
als  unabhängige  Hüterin  des  Volkswohls,  trieft  von  Salbung  und  Moral
und  wird  tatsächlich  noch  immer  von  einem  Teil  des  Berliner  Bürgertums
für  ein  anständiges  Blatt  gehalten.  Sie  schwärmt  für  die  Preßfreiheit,  die
fie  —  nicht  selbst  unterdrückt,  eifert  gegen  jede  Zensur,  die  sie  —  nicht  selbst
ausübt,  bläht  sich  gegen  jede  Unanständigkeit,  die  sie  —  nicht  selbst  begeht,
bekämpft  jede  Unmoral,  soweit  sie  —  fie  nicht  selbst  durch  ihre  Kuppelannoncen ­
  unterstützt,  und  ficht  tapfer  gegen  den  Antisemitismus,  wo  immer
er  sich  auch  in  —  anderen  Redaktionen  findet.  Im  Annoncenteil  dieses
Blattes  dürfen  wohl  Masseusen  ihre  Kundschaft  fischen,  Heiratsvermittler  ihre
Netze  auswerfen,  Lebegreise  „zwecks  Heirat"  Nutten  suchen,  „arme  junge
Witwen"  „edeldcnkende  Herren"  um  Unterstützung  bitten  und  Kuppelmütter
sturmfreie  Buden  mit  „separatem  Eingang"  anbieten.  Ja,  wenn  der  Staatsanwalt ­
  nicht  wär',  brauchten  nicht  einmal  all  die  unschuldheuchelnden  Wortzutaten ­
  den  treuen  Kunden  der  Vosfin  die  Inserate  verteuern.  Aber  ein  anständiger ­
  Verleger  darf  nicht  im  Inseratenteil  der  biederen  Tante  seine  Zeitschrift ­
  ankündigen,  von  deren  Inhalt  er  annimmt,  daß  er  das  Volk  vor
Schaden  bewahren  kann.  Er  dars's  wenigstens  nicht,  wenn  darin  gegen  das
dem  Russenkonsortium  Heiligste  geschrieben  wird.
Die  Vossische  Zeitung  gilt  schon  seit  langem  den  polftischen  Kämpfern
als  das  unentbehrlichste  Blatt  der  Residenz.  Sie  hat  sich  den  Vorwurf  der
politischen  Unehrlichkeit  erst  jüngst  wieder  von  Herrn  Theodor  Barth  ge-
            
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