124
Der Börsen-Souriet.
Die Anstandstante
Voß.
Die Kampfesweise
der
Vosfin.
Lesern des Plutus gehören, möglichst schnell Kenntnis zu geben. Durch
die Annoncenexpedition der Aktiengesellschaft Haasenstein & Vogler sandte
der Plutus-Verlag verschiedenen großen Tageszeitungen entsprechende
Annoncen. Vom „Berliner Börsen-Conrier" und der „Vossischen Zeitung"
wurde diesen Ankündigungen die Aufnahme verweigert. Ganz ohne
Zweifel einzig und allein deshalb, weil sie die Ueberschrift „Der russische
Staatsbankerott" trugen. Denn die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft
Haasenstein & Vogler ist doch wohl über jeden Zweifel erhaben, und
daß etwa meine polemischen Auseinandersetzungen mit Herrn Salomon
oder Herrn Lessing den Grund für die Ablehnung gegeben haben
könnten, ist schon deshalb ausgeschlossen, weil beide Blätter noch vor
nicht allzu langer Zeit Annoncen des Plutus-Verlages aufgenommen
haben. Aber vom russischen Staatsbankerott darf bei ihnen eben nicht
gesprochen werden, und sie weisen mit stolzer Gebärde Annoncen, die
zwanzig Mark kosten, zurück, weil — das Russenkonsortium größere
Annoncen aufgibt.
Vom Börsen-Courier wundert mich dies Gebaren nicht. Er ist nun
einmal das Anzeigenblatt der hohen Finanzwelt, seine ganze materielle
Existenz beruht auf diesem intimen Verhältnis, seine Redaktion greift
den Reichsbankpräsidenten an, wenn er sich dem Willen der imuts bangus
nicht fügen will, sie macht dem Reichskanzler klar, daß er Deutschlands
Industrie schädigt, wenn er sich den Wünschen der Herren Mendelssohn
& Co. verschließt, sie behandelt die Mitglieder des Berliner Magistrats
wie grüne Jungen, weil sie nicht nach der Pfeife der Großen
Berliner Straßenbahn tanzen, weshalb sollte das Blatt mich und meinen
Verlag besser behandeln wie gefürstete Herren und Exzellenzen?
Ein ander Ding aber ist's um die Vossische Zeitung. Sie pratscht sich
als unabhängige Hüterin des Volkswohls, trieft von Salbung und Moral
und wird tatsächlich noch immer von einem Teil des Berliner Bürgertums
für ein anständiges Blatt gehalten. Sie schwärmt für die Preßfreiheit, die
fie — nicht selbst unterdrückt, eifert gegen jede Zensur, die sie — nicht selbst
ausübt, bläht sich gegen jede Unanständigkeit, die sie — nicht selbst begeht,
bekämpft jede Unmoral, soweit sie — fie nicht selbst durch ihre Kuppelannoncen
unterstützt, und ficht tapfer gegen den Antisemitismus, wo immer
er sich auch in — anderen Redaktionen findet. Im Annoncenteil dieses
Blattes dürfen wohl Masseusen ihre Kundschaft fischen, Heiratsvermittler ihre
Netze auswerfen, Lebegreise „zwecks Heirat" Nutten suchen, „arme junge
Witwen" „edeldcnkende Herren" um Unterstützung bitten und Kuppelmütter
sturmfreie Buden mit „separatem Eingang" anbieten. Ja, wenn der Staatsanwalt
nicht wär', brauchten nicht einmal all die unschuldheuchelnden Wortzutaten
den treuen Kunden der Vosfin die Inserate verteuern. Aber ein anständiger
Verleger darf nicht im Inseratenteil der biederen Tante seine Zeitschrift
ankündigen, von deren Inhalt er annimmt, daß er das Volk vor
Schaden bewahren kann. Er dars's wenigstens nicht, wenn darin gegen das
dem Russenkonsortium Heiligste geschrieben wird.
Die Vossische Zeitung gilt schon seit langem den polftischen Kämpfern
als das unentbehrlichste Blatt der Residenz. Sie hat sich den Vorwurf der
politischen Unehrlichkeit erst jüngst wieder von Herrn Theodor Barth ge-