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Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
hristlichen Glaubens und frommen Vertrauens gewonnen wird,
dessen weite Verbreitung die psychische Grundlage des Verlaufs
des Investiturstreites im 11. Jahrhundert bildet.
Viel deutlicher tritt die Mechanik des kulturgeschichtlichen
Verlaufs schon im 12. und teilweise 13. Jahrhundert, in den
Zeiten des Übergangs vom typischen zum konventionellen Zeit⸗
alter, hervor. Wieder haben wir es hier zunächst mit starken
wirtschaftlichen und sozialen Momenten zu tun; auf dem platten
Lande nähert sich die Grundherrschaft des früheren Mittelalters
hrem Abschluß und teilweisen Verfall und entläßt aus sich eine
ganze Anzahl neuer sozialer Bildungen, vor allem die der Ritter;
in den Städten entfalten sich die Anfänge der Geldwirtschaft
und mit ihnen die sozialen Kreise der Geschlechter und der
Zünfte. Und dem folgt dann ebenso wieder eine Dissoziation der
alten Seele der typischen Zeit, und ein neues Seelenleben ent—
wickelt sich zunächst stark naturalistisch in der kontemplativen
Frömmigkeit der ersten Hälfte des Jahrhunderts wie in den
ritterlichen Abenteureridealen der frühstaufischen Jahre und einer
entsprechenden Poesie: bis Maze und Kirchenideale des 13. Jahr⸗
hunderts die Schößlinge der neuen Kultur beschneiden und in
einem idealistischen Abschlusse zusammenfassen.
Steht es aber in den Zeiten des Überganges vom Mittel—
alter zur Neuzeit, vom Konventionalismus zum Individualismus
anders? Muß noch angeführt werden, was damals die wirt⸗
schaftlichen nnd sozialen Umwälzungen des 15. Jahrhunderts und
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bedeuteten: Großhandel,
primitives Unternehmertum, Umbildung der zunftlerischen In—
dustrie in quantitative Produktionsformen, Bauernrevolution
auf dem Lande und Revolution des Proletariats in den
Städten? Und kennt man nicht den geistigen Gehalt dieser
Zeiten? Ein grober Naturalismus gebar in der Dichtung
die neuen Formen der Satire und des Dramas, wirkte
sich in vergeblichen Frömmigkeitssehnsuchten des 15. Jahr⸗
hunderts aus, schuf in der bildenden Kunst einen unerhörten
Realismus; bis der religiösen Sehnsucht ihre Fülle in der
Reformation, der Phantasietätigkeit wenigstens in der Kunst