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6. Die verschiedene Lebenshaltung in der Klein⸗, Mittel—
und Großstadt.
Will man die Abhängigkeitder Lebenshaltungvonder
Ortsgröße untersuchen, so ist es notwendig, die zu verglei—
chenden statistischen Massen vollkommen vergleichbar zu
machen, d. h. alle Einflüsse anderer Art, die die zu erforschenden Ursachen
verdecken könnten, auszuschalten. Im Jahre 1907 unternahm die Abteilung
für Arbeiterstatistik in dem damaligen Kaiserlichen Statistischen Amt des
Versuch, „die Einnahmen und Ausgaben minderbemittelter Familien nach
Orten und Ortsgrößenklassen“ zu vergleichen. Es gelang jedoch damals nicht,
die Wirkung der Ortsgrößen rein zu ermitteln, weil die abweichenden Ein—
kommens⸗ und Berufsverhältnisse den vermuteten kausalen Zusammenhang
von Ortsgröße und Lebenshaltung verdeckten. Das Amt betonte damals
ausdrücklich die Schwierigkeiten solcher Untersuchungen).
Im folgenden soll versucht werden, die Lücke, die bei Untersuchungen
durch Haushaltungsrechnungen bisher bestand, auszufüllen. Das Matetial
— die 290 Haushaltungsrechnungen von Kaufmannsgehilfen — ist zu diesem
Zweck nach bestimmten Gesichtspunkten geordnet worden, damit der Einfluß
der Ortsgröße tatsächlich erkennbar ist. Der hinderlichste andersartige Ein⸗
fluß — verschiedenartige soziale Zusammensetzung —, der die große Reichs—⸗
statistik von 1907 durchkreuzte, ist schon dadurch ausgeschaltet, daß nur
in Anbetracht des kurzen Zeitabstandes trotzdem vergleichsweise herangezogen werden. Nach
dieser Statistik bezogen:
bis 200 N Gehalt — 70,1 v. H. Versicherte
200 300 21ů
über 300 —1248 H. *
Berücksichtigt man, daß für 10,8 v. H. der Versicherten nur ein Monatsgehalt bis 50 M
ausgewiesen wird, da in dieser Gehaltsklasse A der Angestelltenversicherung die Stellen—
losen und die Ehefrauen sich weiter versichern, sowie die Lehrlinge zumeist enthalten sind, so
ergibt sich, daß auch nach dieser Aufstellung mindestens rund 50 v. H. der Angestellten
ein Monatsgehalt von nur 200 2 bezieht. Damit ist bewiesen, daß die
von uns geschilderte dürftige Lebensweise für die Mehr⸗
zahl der Angestellten und Kaufmannsgehilfen zutrifft.
) Im 2. Sonderheft zum Reichs⸗Arbeitsblatt 1900 — Erhebung von Wirtschafts—
rechnungen minderbemittelter Familien im Deutschen Reiche — steht auf Seite 42
„Was die Prozentualverteilung der Ausgaben betrifft, so gilt
hier wiederum und noch mehr als bei den Einnahmen, daß sich mit dem Einflusse der
Ortsgröße ein anderer Einfluß kreuzt, der die zu erwartenden Wirkungen des ersteren zum
Teil gerade in ihr Gegenteil verkehrt. Diesen anderen Einfluß übt die verschiedene soziale
Zusammensetzung der großstädtischen Familien einerseits, der übrigen Familien anderer⸗
seits. Ueberwiegen nämlich unter den ersteren Familien die der Arbeiter, so sind die
letzteren hauptsächlich Beamten, und Lehrerfamilien. So erklärt sich beispielsweise, daß
die Ausgabe fir Wohnun g und Haushalt in den Klein⸗, Land- und Mittel.
städten nur einen wenig geringeren Teil der Ausgaben beansprucht als in den Großstädten
und nur auf dem Lande wesentlich dahinter zurückbleibt, ferner daß die Ausgaben für
Heizung und Beleuchtung, für Gesundheits- und Körper⸗
pflege, für Unterricht usw. (abgesehen vom Lande), für geistige und ge—
sellige Bedürfnisse, für Staat, Gemeinde, Kirche, für Vor⸗
und Fürsorge (abgesehen vom Lande), und für persönliche Bedienung in
den Großstädten geringere Anteile an deag Gesamtausgaben beanspruchen als in allen
anderen Größenklassen!“