Die Frühromantik.
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Das, was rettete, war die anfangs unbewußte, später
immer bewußter werdende Flucht zum Objektiven: nicht um
sich ihm zu beugen, sondern um durch seine Beherrschung selber
zu herrschen. Es ist der Weg, den die deutsche Kultur bis
zum Schlusse der ersten subjektivistischen Periode Stufe für
Stufe, in tausend leisen Fortschritten vom Objektiven des
Geistes hin bis zum Objektiven der Natur gegangen ist; und es
gehört zu den reizvollsten Aufgaben der Geschichtschreibung
des 19. Jahrhunderts, ihn in seinen einzelnen Phasen zu ver⸗
solgen und in seiner jeweiligen Vollendungshöhe zu deuten.
Was zunächst zur Bildung eines neuen, konzentrierten
und souveränen Ichs hinüberleitete, war die Stärkung der ver⸗
einheitlichenden Kraft des Selbstbewußtseins, insofern dieses sich
auf die Vorstellungen bezog, welche der Zeit und ihrer wesentlich
ideologischen Anschauung am nächsten lagen: war der Versuch,
auf dem Wege der Universalphilosophie und der geschichtlichen
Betrachtung der Menschheit zu einer Reihe beherrschender
Werte zu gelangen. Dabei war nichts vielleicht eigentümlicher
als die gleichsam germanische Renaissance, die Selbsterneuerung
aus der Vergangenheit des eigenen Volkes auf dem Wege der
praktischen Umdeutung der in ihr beruhenden ästhetischen,
ethischen und politischen Werte, die sich erst spekulativ und
dichterisch, darnach wissenschaftlich und antiquarisch-geschichtlich
vollzog. Es war ein Erneuerungsprozeß besonderer Art, wie
er sich wohl ausnahmslos in der Geschichte jeder hochkultivierten
Nation verfolgen läßt und einmal eingehender vergleichender
Beleuchtung bedürfte, um die typische Tiefe seiner Vorgänge zu
erfassen. Es war bei weitem mehr als der „Reflex des er—
solgreichen Rückstoßes der historischen Maͤchte gegen die Re—
volution“, wie die politische Historie den Vorgang zu deuten
pflegt: und seine Wichtigkeit hat schon vor zwei Menschenaltern
der Maler Wilhelm Kaulbach weit gründlicher erfaßt in den
Worten: „Geschichte müssen wir malen, Geschichte ist die Re—
ligion unserer Zeit.“
Indem aber auf dem Wege geschichtlicher Kontemplation und
Forschung ein erstes Verhältnis zu den objektiven Mächten der Zeit