86
Bevölkerung und Unterhaltsmittel.
Buch II.
stützung durch den 'schnellen Wechsel der Ansichten über den Ursprung
des Menschen und die Entstehung der Arten erhalten. Daß Buckle recht
darin hatte, daß die Aufstellung der Malthusschen Theorie einen Ab
schnitt in der Geschichte des spekulativen Denkens bezeichne, wäre, wie
ich glaube, leicht zu beweisen; doch würde es uns, so interessant es wäre,
über den Bereich dieser Untersuchung hinausführen, wenn wir ihren
Einfluß auf die höheren Gebiete der Philosophie (wovon Buckles eigenes
Werk ein Beispiel ist) verfolgen wollten. Aber wieviel davon auch wider
gespiegelt und wie viel davon original sei, die Unterstützung, welche der
Ukalthusschen Theorie durch die neue Entwicklungslehre, die sich jetzt
so geschwind nach allen Richtungen hin ausbreitet, geleistet wird, inuß
bei jeder Würdigung der «Duellen, aus denen diese Theorie ihre jetzige
Stärke schöpft, in Betracht gezogen werden. Wie in der Nationalökonomie
die chilfstruppen der Lohn- und der Rententheorie sich verbanden, um
die Malthussche Theorie zum Range einer Zentralwahrheit zu erheben,
so hat die Ausdehnung ähnlicher Ansichten auf die Entwicklung des
Lebens in allen seinen Formen die Wirkung, ihr eine noch höhere und
uneinnehmbarere Stellung anzuweisen. Agassiz, der bis zu seinem Todes
tage ein erbitterter Gegner der neuen Lehre war, bezeichnete den Dar
winismus als „Malthus in neuer Auflage"*) und Darwin selbst sagt,
der Kampf ums Dasein „sei die Malthussche Lehre mit vervielfachter
Kraft auf das ganze Tier- und Pflanzenreich angewendet"**).
fEs scheint mir indes nicht ganz korrekt, daß die Theorie der Ent
wicklung durch natürliche Wahl oder durch Überleben der Tüchtigsten
ein weiter entwickelter Malthusianismus sei, denn die Lehre desselben
schloß nicht ursprünglich und schließt nicht notwendig die Idee des Fort
schrittes ein. Aber dieselbe wurde ihr bald hinzugefügt. McLulloch***)
schreibt dem „Prinzip der Volksvermehrung" die Hebung der Gesellschaft
und den Fortschritt der Künste zu und erklärt, daß die dadurch erzeugte
Armut als ein mächtiger Antrieb zur Entwicklung des Fleißes, zur Aus
breitung der Wissenschaft und zur Ansammlung von Reichtum unter
den höheren und Mittelklassen wirke, ohne welchen Antrieb die Gesell
schaft schnell in Apathie versinken und verfallen würde. Mas ist dies
anders als das Anerkenntnis, daß die entwickelnden Wirkungen des
„Kampfes ums Dasein" und des „Überlebens der Tüchtigsten", die,
wie uns jetzt die Autoritäten der Naturwissenschaften sagen, die von der
Natur angewendeten Mittel waren, um alle die unendlich verschieden
artigen und sich den Umständen wunderbar anpassenden Formen hervor
zubringen, welche das sprossende Leben der Erde annimmt, auch für
die menschliche Gesellschaft Gültigkeit haben? Was ist es als die An
erkennung der Kraft, welche, anscheinend grausam und unbarmherzig,
*) Vortrag vor dem Landwirtschaftsrat von Massachusetts ;8?2. Bericht des
Ackerbau-Departements der vereinigten Staaten \8?5.
**) Ursprung der Arten. Rap. III.
***) Anmerkung IV zum Volkswohlstand.