Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 225
auch schöpferisch tätig gewesen; gehörte der Graf von Bünau—
Dahlen, der Gönner Winckelmanns, unter die besten Historiker
der Zeit; hat sich ein Graf Manteuffel als eifriger und ein—
sichtsvoll werbender Anhänger der Wolffschen Philosophie be—
währt; wurde endlich der Freiherr von Münchhausen zum hoch—
gebildeten Pfleger der jungen Universität Göttingen. Aber
damit war auch für diese Frühzeit der Anteil des Adels an
der Entwicklung der neuen Bildung, soweit bekanntere Namen
in Betracht kommen, wohl der Hauptsache nach erschöpft. In
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurde die Teilnahme
dann freilich stärker: die Stolberge, die Humboldts, Hofleute
wie von Thümmel und von Einsiedel, Militärs wie von Knebel
gehörten der neuen Kultur unmittelbar an; und nirgends hat
sie vielleicht enthusiastischere Anhänger und Mäcene gefunden
als im holsteinischen Adel. Aber zugleich verlor sich doch erst
recht jeder spezifisch adlige Charakter; die literarischen Zirkel
in Oldenburg und sonstwo, in denen Bürgerliche und Adlige
gemeinsam verkehrten, hatten vornehmlich bürgerliche Färbung,
und die Tatsache, daß Johann Heinrich Voß, der Enkel noch
eines Leibeignen und als Informator selbst noch dem Gesinde
einer mecklenburgischen Adelsfamilie angehörig, nicht lange
nach seiner Ankunft in Göttingen mit dem reichsunmittelbaren
Grafen von Stolberg als Gleicher mit Gleichem verkehrte, an
sich höchst erfreulich, beweist doch, daß auch unter günstigen
Verhältnissen der spezifisch-soziale Beitrag des Adels zum
geistigen Fortschritte gering war.
Und so blieb denn die Verbindung bürgerlicher und
adliger Kreise geschweige denn ihre Verschmelzung in dem Fort⸗
gange des neuen Seelenlebens ein frommer Wunsch; auch hier
hat erst die politische Durchbildung des Subjektivismus vor⸗
nehmlich im 19. Jahrhundert die Fesseln stärker gelöst. Wohl
aber kam es schon früh zu einem freundlichen Zusammen—
arbeiten der Spitzen beider Stände; und nur in der Tiefe
gleichsam fortdauernder Sedimentärzustände früherer Zeiten
blieb es einer Reichsfreifrau von Wöllwarth auf Neubronn
borbehalten, sich zu der Überzeugung zu bekennen, Adel und
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 15