Baumwolle, Wolle, Rohseide, Gummi, Erdöl, Ölfrüchte usw.,
sind in den deutschen Kolonien so geringe Mengen erzeugt
worden, daß sie für den Handel kaum in Betracht kamen. Das
würde sich auch jetzt nicht ändern, da Deutschland im besten
Falle die ungünstigsten Teile des tropischen Afrika zurückbe-
kommen würde. Mit der Aufnahmefähigkeit deutscher Waren
in den Kolonien stand es ähnlich. Der dreißigjährigen deutschen
Kolonialtätigkeit ist es nicht gelungen, einen .aufnahmefähigen
Markt für deutsche Erzeugnisse in den Kolonien zu schaffen.
Die deutsche Ausfuhr nach den kleinen europäischen Staaten,
Dänemark, Schweden, Holland, der Schweiz, betrug in der Vor-
kriegszeit je das Fünf- bis Zehnfache der Ausfuhr nach sämt-
lichen deutschen Kolonien. Günstige Handelsverträge mit den
europäischen Staaten bedeuten also eine erheblich größere Be-
lebung des deutschen Außenhandels als der Wiedererwerb von
Kolonien. Die Arbeiterschaft soll für den Kolonialplan dadurch
gewonnen werden, daß man ihr die Einfuhr billigerer Lebens-
mittel verspricht. Schon vor dem Kriege dachten die kolonialen
Handelsleute in Deutschland nicht daran, ihre Waren in Deutsch-
iand zu einem billigeren Preise abzusetzen als irgendwo anders.
Im Ernst wird niemand glauben, daß sich das ändern wird, so-
lange die Großagrarier und Großindustriellen das Heft in Händen
halten. Wie sehr die Kreise, die heute Kolonialpropaganda im
„Interesse des Volkes“ machen, danach trachten, den Massen
zu niederen Preisen zu verhelfen, haben sie durch ihr Verhalten
in den deutsch-polnischen‘ Handelsvertragsverhandlungen be-
wiesen.
Die wahren Interessenten an einem Wiedererwerb deutscher
Kolonien sind einige Gesellschaften und die hinter ihnen stehen-
den Banken. Sehr interessantes Material darüber liefert das
Koloniale Hand- und Adreßbuch, in dessen Band von 1927 nicht
weniger als 76 „koloniale Erwerbsgesellschaften‘“ aufgeführt
sind. Die von ihnen veröffentlichten Berichte ergeben, daß es
diesen Gesellschaften trotz „Enteignung“‘‘. durch die Entente-
staaten immer noch ganz gut geht. Einige Beispiele: Die Otavi-
Minen- und Eisenbahngesellschaft (Sitz Berlin), hinter der die
Deutsche Bank, die Diskontogesellschaft und Bleichröder stehen,
teilt mit, daß im Berichtsjahr nach Abschreibungen von
142 355/14/3 Pfund Sterling und Dotierung des Reservefonds
mit 8764,10 ein Reingewinn von 98 976,16 Pfund blieb, von dem
eine Dividende von 11,11% ausgeschüttet werden konnte. Die
„Consolidated Diamond Mines of South-West-Africa, Ltd.‘“, die
die Anlagen aller vor dem Kriege in Deutsch-Südwestafrika tätig
gewesenen Diamantabbaugesellschaften deutschen Rechts, auch
die Bahn Lüderitz—Bogenfels und die Elektrizitätswerke
Lüderitzbucht übernommen hat, gibt den Wert der übernomme-
Kar