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Die liberale Schule
nämlich die scharfe Betonung des beschreibenden Charakters
der politischen Ökonomie, in bewußter und gewollter Über
bietung Adam Smiths, welcher der Nationalökonomie, noch an
die Merkantilisten anklingend, ein vorwiegend praktisches Ziel
zuweist: „Volk und Herrscher zu bereichern 1 ).“ Aber auch
formell haben die Saysehen Werke ein starkes persönliches Ge
präge in dem angenehmen und fließenden Stil, in der hervor
ragenden Klarheit der Darstellung und in der didaktischen Anord
nung des Stoffes. Diesen formellen Eigenschaften in erster
Linie verdankten Says Schriften den propagandistischen Er
folg, die Kenntnis der Volkswirtschaftslehre Adam Smiths
weiten Leserkreisen der gesamten zivilisierten Welt vermittelt
zu haben.
J. B. Say vulgarisierte jedoch die Naturlehre der Volks
wirtschaft nicht, ohne sie fortzubilden. Dies tat er zunächst
durch die Dreiteilung des Stoffes in Produktion, Verteilung und
Verbrauch. Dann sind zu erwähnen seine scharfen, in der libe
ralen Schule klassisch gebliebenen Definitionen der hauptsäch
lichsten Begriffe, mit denen die Nationalökonomie operiert 2 ).
Endlich ging er über Adam Smith hinaus durch seine Theo
rien über die immateriellen Güter und die Bolle des Unterneh
mers in der Volkswirtschaft.
Die Theorie der immateriellen Güter hängt eng zusammen
mit der Wertlehre. Adam Smith war noch, gleich den
Physiokraten, in der Auffassung befangen, daß der wirtschaft
liche Wert notwendig an die Materie gebunden sei. Die Wert
schaffung, der Zweck der wirtschaftlichen Arbeit des Menschen,
bleibt in dieser Auffassung beschränkt auf die Vergegenständ-
lichung der menschlichen Arbeit in einem materiellen Gute.
Say nimmt nun dem Wertbegriff den Charakter der Materialität,
indem er zunächst den Schwerpunkt von der Brauchbarkeiten
schaffenden Arbeit in die Brauchbarkeiten selbst verlegt; als
dann erweitert er den Umfang des Begriffes der wirtschaftlichen
Brauchbarkeit. Eine solche kann nämlich nach ihm erzeugt
x ) Ofr. insbesondere: Traité (2. Ausl. 1814) Bd. I Discours préliminaire,
am Anfang und pag. LXXV; ferner: Cours (Brüsseler Ausg. 1844) Considérations
générales, pag. 7.
2 ) Insbesondere in dem Vokabularium, das dem Traité bei der 2. Auf
lage (1814) angehängt wurde.