390
VII. Die Entstehung des modernen
Kapitalismus.
Die Beobachtung, daß mit einem viel gebrauchten Wort
keineswegs immer eine den Dingen wirklich entsprechende Vor-
stellung verbunden wird, hat sich oft genug als richtig erwiesen.
In neuester Zeit liefert dafür die Geschichte des Worts Kapi-
talismus einen besonders lehrreichen Beleg.
Die Anwendung, die das Wort gefunden hat, ist kürzlich
ausführlich geschildert worden!). „Kapitalismus“ wird in mannig-
fachem Sinr gebraucht. Überwiegend dient es dem Ausdruck
einer politischen und wirtschaftlich-sozialen Tendenz. In An-
knüpfung an die Ansicht von Marx, der unter „Kapital“
Produktions- und Lebensmittel verstand, die zur Ausbeutung
der Arbeiter verwendet werden, versteht man überwiegend
unter p,kapitalistischer“!Q Produktionsweise die Produktions-
weise, in der die kapitallosen Arbeiter von den „Kapitalisten“
in dem spezifischen Sinn der Marxschen Mehrwertlehre aus-
gebeutet werden. Schnöde Geldgier, Mammonismus, Profit-
wut gelten als Motive der Kapitalisten. Der eine Autor bringt
diese Gedanken schroffer, der andere milder zur Geltung. Maß-
gebend sind sie in der Mehrzahl der Fälle einer Erklärung des
Kapitalismus.
1) R. Passow, „Kapitalismus“, Jahrb. f. Nationalök. 107, S. 433 ff. ;
derselbe, Kapitalismus, eine begrifflich-terminologische Studie (Jena
1918); derselbe, Rezension von L. Brentano, Die Anfänge des
modernen Kapitalismus, Weltwirtsch. Archiv, Juli 1917, S. 337 ff.,
und von Sombart, Der moderne Kapitalismus, 2. Aufl., Jahrb. f.
Nationalök. Bd. 110, S. 623 ff. Vgl. auch desselben oben S. 192 er-
wähnte Abhandlung ,Die grundherrschaftlichen Wirtschaftsverhält-
nisse" und Hohoff, V.j.schr. f. Soz.- u. W.G., Bd. 14, S. 554 ff.