Full text : Die Steigerung der Produktivität der deutschen Landwirtschaft im neunzehnten Jahrhundert

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Ein  sehr  wechselvolles  Schicksal  hat  im  19.  Jahrhundert  die  deutsche
Schafzucht  gehabt.  Vergleicht  man  Anfang  und  Ende  des  Jahrhunderts,
so  hat  die  Zahl  der  Schafe  um  43  %  abgenommen.  Dazwischen  liegt
aber  eine  Entwickelung,  deren  Höhepunkt  etwa  durch  die  Mitte  der
60  er  Jahre  bezeichnet  wird,  wo  Deutschand  über  28  Mill.  Schafe  zählte,
während  am  1.  Dezember  1900  nur  noch  9692501  Stück  vorhanden
waren.
Vergleicht  man  gleichwohl  die  heutige  Schaffleischproduktion  mit  der
vor  100  Jahren,  so  ist  zu  sagen,  dass  die  jetzigen  Fleischschafe  mehr  als
doppelt  so  schwer  werden  als  die  alten  zierlichen  Merinos.  Dieterici
rechnete  das  Eleiscligewicht  eines  Schafes  vor  100  Jahren  nur  zu  20  Pfund;
die  Viehzählung  von  1900  ermittelte  hei  den  1720727  gezählten  Hammeln
ein  Durchschnittsgewicht  pro  Stück  von  45,8  kg.  Ausserdem  ist  der  Umsatz
bei  den  heutigen  Schafen  ein  viel  rascherer.  „Nach  der  Einschränkung
des  Schäfereibetriebes“,  schreibt  Zuchtdirektor  E.  Behmer, 1 )  „hat  sich  im
Gegensatz  zu  den  zwei  voraufgegangenen  Phasen  seit  1880  der  Merinozuchtbetrieb ­
  dahin  geändert,  dass  ein  relativ  grosser  Bestand  von  Mutterschafen  gehalten ­
  wird,  dass  der  junge  Nachwuchs  reichlich  ernährt  wird,  so  dass  einmal ­
  eine  rasche  Erneuerung  der  Mutterherde  möglich  wird,  wobei  die  abgestossenen
  überzähligen  Merzschafe  noch  in  relativ  jüngerem  Alter  entweder
gemästet  oder  zur  Kreuzungszucht  verkauft  werden,  und  dass  zweitens
viele  junge  Merinohammel  schon  mit  14—15  Monaten  mager  an  Mäster
abgegeben  oder  vom  Züchter  selber  gemästet  werden  und  mit  18,  höchstens
24  Monaten  in  den  Verzehr  gelangen  mit  55—75  kg  Lebendgewicht.  In
den  Grosswirtschaften  mit  Fleischbetrieb  geht  die  Absicht  dahin,  die  Junglämmer ­
  aus  Dezember  und  Januar  nach  forcierter  Mast  im  Mai  und  Juni
ausgemästet  abzugeben  mit  dem  Lebendgewicht  von  40—50  kg.“  Man
kann  sonach  annehmen,  dass  sich  der  Umsatz  bei  den  Schafen  um  ca.  100%
erhöht  hat.
Die  Ziegen  haben  der  Zahl  nach  von  allen  Viehgattungen  das  stärkste
Wachstum  aufzuweisen.  Der  Hauptgrund  dafür  ist  wohl  in  der  Aufteilung
der  Gemeinweiden  zu  suchen.  Solange  diese  bestanden,  war  den  kleinen
Leuten  in  der  Gemeinde  die  Möglichkeit  gegeben,  sich  ein  oder  mehrere
Stück  Kindvieh  zu  halten.  Nach  Aufteilung  der  Gemeinweiden  und  Durchführung ­
  der  Separationen  mussten  sie  das  anspruchsvolle  Kind  meist  abschaffen ­
  und  sich  mit  der  leichter  zu  ernährenden  Ziege  begnügen.  Andererseits ­
  hat  auch  das  starke  Wachstum  der  Fabrikbevölkerung  viel  zur  Vermehrung ­
  der  Ziegen  beigetragen,  und  insofern  die  industriellen  Arbeiter
immer  mehr  in  der  Lage  und  gewillt  sind,  sich  wenigstens  eine  Ziege  zu
halten,  ist  die  Zunahme  dieser  „Kühe  des  kleinen  Mannes“  eine  erfreuliche
Erscheinung.  Übrigens  ist  man  in  letzter  Zeit  allgemein  bemüht,  auch  den
Ziegen  eine  bessere  züchterische  Pflege  angedeihen  zu  lassen,  um  ihre
Leistungsfähigkeit  immer  mehr  zu  erhöhen.  9

9  Die  deutsche  Landwirtschaft  in  Paris  1900,  S.  444.
            
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