Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

2.  Gedanken  über  die  Ausbildung  des  jungen  Kaufmanns.

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2.  Gedanken  über  die  Ausbildung  des  jungen  Kaufmanns.
Von  Richard  Stegemann.

Stegemann,  Kaufmännisches  Bildungswesen.  In:  Referate  über  die  akademischen  Kurse
für  junge  Kaufleute.  (Beilage  zu  den  „Mitteilungen  aus  der  Handelskammer  Frankfurt  a.  JTt.",
Juni-Nummer  »Mj.  [5.  l—4],
Es  ist  merkwürdig,  daß  in  einer  Zeit,  wo  sich  unser  Kandel  numerisch  so  stark
entwickelt,  wo  er  sich  mehr  und  mehr  differenziert,  d.  h.  in  Spezialbranchen  auslöst,
und  wo  andrerseits  auch  im  Detailhandel  eine  Art  kapitalistische  Entwickelung  mit
durchgeführter  Arbeitsteilung  sich  vollzieht,  allenthalben  ein  Mahnruf  ertönt,  der  bessere
Vorbildung  für  unseren  Kausmannsstand  fordert.  Der  Grund  dieser  auffallenden
Tatsache  ist  wohl  darin  zu  erblicken,  daß  man  trotz  der  numerisch  günstigen  Entwickelung
unseres  Kleinhandels  der  Weiterentwickelung  der  Verhältnisse  doch  nicht  ohne  einige
Sorge  entgegensieht.  Tatsächlich  befindet  sich  der  Kandel,  und  zwar  in  allen  seinen
Teilen,  heute  in  einer  ungleich  schwierigeren  Lage  als  früher.  Die  Fabrikanten  suchen
unter  Amgehung  des  Großhandels  ihre  Waren  direkt  an  den  Konsumenten  und  Kleinhändler ­
  abzugeben.  Die  ausländischen  Importhäuser  umgehen  ihrerseits  den  Exporteur,
indem  sie  direkte  Beziehungen  mit  dem  Fabrikanten  suchen,  und  wenn  sie  wirklich  den
Exporteur  oder  Kommissionär  benützen,  so  sind  sie  leicht  geneigt,  diesem  bestimmte
Preise  vorzuschreiben.  Über  die  erschwerte  Lage  unseres  Geldkaufmanns  brauche  ich
kaum  etwas  Näheres  anzuführen,  und  es  ist  auch  kaum  nötig,  zu  erwähnen,  daß  eine
große  Anzahl  unserer  Detaillisten  unter  dem  Andrängen  von  verschiedenen  Seiten  sich
beengt,  ja  zum  Teil  sogar  gefährdet  sieht.  Es  ist  gewiß  auffallend,  daß  in  einer  Zeit
der  steigenden  Arbeitsteilung  die  Funktionen  des  Kandels  sich  wenigstens  in  einigen
Teilen  zu  verflüchtigen  drohen,  daß  die  Konsumenten  sich  selbst  zu  Trägern  des  Einkaufes ­
  und  Verkaufes  machen  und  den  Beweis  zu  erbringen  versuchen,  daß  es  ohne
Kandel  eigentlich  besser  gehe.  Das  sind  Symptome  einer  tiefgehenden,  inneren  Entwickelung
  des  Kandels,  die  man  nüchtern  beurteilen  muß,  denn  derartige  Verschiebungen
haben  stets  ihre  tieferen  Arsachen.  Wir  müssen  aber  auch  damit  rechnen,  daß  solche
Krisen  die  inneren  Kräfte  einer  Erwerbsgruppc  zu  befestigen  und  die  schlummernden
oder  zum  Schlunrmer  geneigten  Kräfte  zur  Selbstanspannung  aufzuwecken  geeignet
sind.  Wir  sehen,  daß  der  Neid,  der  nun  einmal  von  jeher  dem  Kandelsgewinn
angehaftet  hat,  heute  Formen  annimmt,  die  sich  nicht  mehr  gegen  den  einzelnen,  sondern
gegen  den  ganzen  Kaufmannsstand  richten,  und  kluge  Männer  verhandeln  in  den
Parlamenten  darüber,  ob  der  Kandel  notwendig,  ob  ihm  nicht  die  Existenzberechtigung
überhaupt  abzusprechen  sei.  Der  Kandel,  der  zu  allen  Zeiten,  bei  allen  Völkern  und
unter  allen  Verhältnissen  eine  maßgebende  Rolle  im  wirtschaftlichen  Leben  gespielt  hat,
kommt  womöglich  noch  in  die  Lage,  seine  Existenz  wissenschaftlich  rechtfertigen  zu  müssen!
Wir  finden  neben  den  Angriffen  auf  die  Börse  die  starke  Bekämpfung  des  sich  nach
dem  Großbetriebe  hin  entwickelnden  Kleinhandels,  der  Warenhäuser,  und  niemand,  der
dem  Kandelsstande  angehört,  kann  das  Gefühl  unterdrücken,  daß  sich  eigentlich  in
keinem  Kreise  der  staatlichen  Gesellschaft  innere  Zuneigung  für  den  Kandelsstand  findet.
Selbst  die  Produzenten  und  die  Konsumenten,  die  beiden  großen  Gruppen,  die  dem
Kandel  so  viel  zu  verdanken  haben,  sind,  wenn  es  auf  eine  Bewertung  des  Kandels
ankommt,  geneigt,  ich  will  nicht  sagen,  ihm  die  Existenzberechtigung  abzusprechen,  aber
jedenfalls  ihn  nur  zur  Not  passieren  zu  lassen.
Wenn  wir  uns  nun  die  Frage  vorlegen,  was  gegenüber  allen  diesen  kritischen
Erscheinungen  der  Kandelsstand  selbst  zu  tun  hat,  so  müssen  wir  als  die  wichtigste
Ausgabe  die  bezeichnen,  daß  er  die  kaufmännische  Generation,  welcher  die  Aufgabe
            
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