Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6.  Friedrich  List.  Leben  und  Lehre.

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antwortung  gezogen  wurde.  Zu  zehnmonatlicher  Festungsstrafe  und  Zwangsarbeit  verurteilt, ­
  entzog  er  sich  der  Strafe  durch  die  Flucht,  reiste  drei  Jahre  in  Frankreich,
England  und  der  Schweiz  umher,  kehrte  dann  aber  unvorsichtigerweise  in  die  Leimat
zurück  und  wurde  auf  dem  Lohen  Asperg  in  Festungshaft  genommen,  aus  der  er  1825
nur  gegen  das  Versprechen,  auszuwandern,  entlassen  wurde.  Unmittelbar  darauf  ging
er  nach  Amerika;  dort  gelang  es  ihm  schnell,  ein  angemessenes  Arbeitsfeld  zu  finden.
In  Pennsylvanien  entdeckte  er  neue  Steinkohlenlager  und  gründete  eine  Gesellschaft  zur
Ausbeutung  derselben.  Durch  die  Anlage  einer  verbindenden  Eisenbahn  wußte  er  ihr
einen  besonderen  Aufschwung  zu  verschaffen.  Lier  erkannte  er  nun  die  große  wirtschaftliche ­
  Bedeutung  dieses  neuen  Kommunikationsmittels,  und  sein  ganzes  Streben
ging  dahin,  in  Deutschland  dasselbe  mit  allen  Mitteln  zu  verallgemeinern,  so  daß  er
suchte,  in  die  Leimat  zurückzukehren.  Die  Vereinigten  Staaten  wollten  ihn  1832  in
Lamburg  zu  ihrem  Konsul  machen,  doch  wußte  die  Württembergische  Regierung  dieses
zu  hintertreiben.  Gleichwohl  kam  er  1832  mit  seiner  Familie  nach  Lamburg,  siedelte
aber  nach  einem  Jahre  nach  Leipzig  über,  wo  er  sowohl  für  seine  literarischen  Absichten
wie  für  den  Ausbau  eines  nationalen  Eisenbahnsystems  einen  besseren  Boden  zu  finden
glaubte.  Er  veröffentlichte  dort  zu  diesem  Zwecke  eine  Reihe  von  Schriften  lind  hatte
auch  den  praktischen  Erfolg,  den  Bau  der  Leipzig-Dresdener  Eisenbahn  ins  Leben  zu
rufen.  Da  aber  seine  Pläne  weit  über  den  engen  Rahmen  der  Lokalbestrebungen
hinausgingen,  er  stets  das  nationale  System  im  Auge  hatte,  welches  den  Privatinteressen
der  einzelnen  Bahnen  vielfach  entgegen  war  und  er  seine  Auffassung  mit  großer  Rücksichtslosigkeit ­
  und  Schroffheit  zum  Ausdruck  brachte,  so  war  es  begreiflich,  daß  er  dem
Komitee  bald  unbequem  wurde  und  man  ihn  mit  einem  Ehrengeschenke  von  4000  Talern
abschüttelte.  Zur  selben  Zeit  verlor  er  durch  die  Bankkrisis  in  Amerika  sein  dort  erworbenes ­
  Vermögen.  Trotz  der  schlimmen  Leipziger  Erfahrung  blieb  er  in  der  gleichen
Richtung  tätig.  Durch  ein  besonderes  Eisenbahnjournal  wirkte  er  jetzt  für  den  Ausbau ­
  des  deutschen  Eisenbahnnetzes  und  wurde  von  verschiedensten  Seiten  als  Sachverständiger ­
  herangezogen,  so  daß  er  tatsächlich  einen  großen  Einfluß  in  dieser  Linsicht
ausübte.  Aber  der  pekuniäre  Lohn,  auf  den  er  jetzt  angewiesen  war,  blieb  aus,  und
als  der  Versuch,  sich  in  seiner  Leimat  niederzulassen,  fehlschlug,  ging  er  1837  wieder
in  das  Arrsland,  uild  zlvar  ilach  Paris,  wo  er  3  Jahre  hindurch  literarischer  Tätigkeit
oblag.  Als  er  1840  nach  Deutschland  zurückkehrte,  gelang  es  ihm,  die  gerade  in  Angriff ­
  genommene  Thüringer  Bahn  in  andere  als  die  bisher  projektierten  Richtungen  zu
lenken,  wie  es  der  volkswirtschaftlichen  Entwickelung  Thüringens  am  besten  entsprach.
Die  juristische  Fakultät  der  Jenaer  Universität  verlieh  ihm  darauf  „wegen  seiner  Verdienste ­
  um  die  Sache  des  deutschen  Landclsvereins  und  des  deutschen  Eisenbahnsystems"
die  Doktorwürde  honoris  causa.
Im  Jahre  1841  erschien  sein  Lauptwerk  „Das  nationale  System  der  politischen
Ökonomie",  worin  er  dem  Smithianismus  entgegentrat  und  einem  gemäßigten  Schutzzollsystem ­
  das  Wort  redete.  1843  gründete  er  das  Zollvereinsblatt,  worin  er  nicht
nur  für  die  Erweiterung  des  Zollvereins,  die  Gründung  einer  deutschen  Flotte  und
Errichtung  von  Bundeskonsulatcn  eintrat,  sondern  auch  eine  Menge  anderer  Fragen
eingehend  erörterte,  aus  welche  Weise  Deutschlands  Entwickelung  gefördert  werden  könnte.
Aber  überall  stieß  er  auf  Opposition,  was  ihn  in  hohem  Maß  verbitterte.  Zugleich
lintergrub  ein  körperliches  Leiden  seine  Widerstandskraft.  Von  Sorgen  aller  Art  gequält, ­
  nahm  er  sich  am  30.  November  1846  in  Kufstein  selbst  das  Leben.  —
Die  Entwickelung  der  Volkswirtschaft  vollzieht  sich  nach  List  überall  in  der
gleichen  Weise.  Die  erste  Stufe  ist  das  Jäger-  und  Lirtenlcben,  die  zweite  der  Agrarstaat, ­
  die  dritte  der  Agrar-Manufakturstaat,  die  vierte  der  Agrar-Manusaktur-  und
Landelsstaat.  Auf  der  ersten  Stufe  ist  von  Volkswirtschaft  noch  keine  Rede,  auch  auf
der  zweiten  ist  eine  höhere  Entwickelung  nicht  möglich,  es  fehlt  die  geistige  Regsamkeit,
            
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