6. Die Textilindustrie.
325
Inlandc sich ausbreitende mechanische Weberei begonnen. Wer sich die neuen technischen
Lilfsmittel zu eigen zu machen verstand, kam rasch in die Löhe; wer hiezu nicht fähig
war, mußte erliegen. 3m großen und ganzen konnte das „Webereiend" nur mit dem
Eingehen der Landweberei enden. Ein Bruchteil allerdings verstand es, sich mit Lilfe
verbesserter Webstühle und der Pflege besonderer Spezialitäten iiber Wasser zu halten.
Einen kräftigeren Widerstand fand das Vordringen der mechanischen Weberei in
der Wollverarbeitung. Allerdings war auch hierin der Leine Weber naturgemäß mit
seinen veralteten Bctriebseinrichtungen und geringen Betriebsmitteln dem Ansturni all
der Neuerungen, namentlich auch beim Ein- und Verkauf, dem raschen Wechsel der
Weltmarktkonjunkturen und Weltmarktkrisen auf die Dauer nicht gewachsen. Läufig
sah er sich dazu gedrängt, zu einem ungünstigen Zeitpunkt das Rohmaterial anzuschaffen
und sein Produkt zu veräußern; er wurde das Ausbeutungsobjekt des Zwischenhändlers,
seine wirtschaftliche Selbständigkeit war nur mehr eine scheinbare. Als in den sechziger
Jahren die Gewerbefreiheit eingeführt wurde, war von den Tuchwebern kaum noch der
zehnte Teil selbständig; die Mehrzahl hatte die kümmerliche Scheinexistenz aufgegeben
und war in die Fabrik gegangen.
Allein in der Zeit von 1882—95 gingen die hausindustriellen Betriebe um
35—43 % zurück, dagegen nahmen die (mehr städtischen) Großbetriebe um 69 % zu.
Immerhin gibt es auch heute noch nahezu 100 000 Landweber, die allerdings durch
neuere Webstühle oder wegen der diffizilen Arbeit, wie in der Seidenweberei (Siciliennes,
Satin, Frise-Sammet), konkurrenzfähig sind.
Noch rascher als die Weberei ging die Spinnerei auf die Maschine über, die
auch die geübteste menschliche Land überbot. Noch bis vor drei Jahrzehnten gehörte
wenigstens das Spinnen des Flachses für den Eigengebrauch zur Winterbeschäftigung
der weiblichen Bevölkerung auf dem Lande; schließlich aber erwies es sich als zu wenig
lohnend. Lind auch in der Stickerei und Näherei entzog die Maschinen- und Massen
fabrikation Tausenden von Familien einen Nebenverdienst, der, so gering er war, doch
zunr Lebensunterhalt für sie unentbehrlich war. So wurde die Umgestaltung des
wichtigsten Gewerbes, wie z. B. erst wieder Schmoller hübsch in seinem „Grundriß
der Volkswirtschaftslehre" (1. Teil, 1900, S. 214—15) schildert, gleich bedeutsam
für das Familienleben des platten Landes wie für die soziale Lage der unteren Klassen.
Weiter ist von allgemeinen! Interesse, wie sich innerhalb der Textilindustrie weiteren
Sinnes, nämlich in der dezentralisierten Leimarbeit, z. B. der Bekleidungsindustrie,
der Stickerei usw., verschiedene Schutzgebiete vorfinden, innerhalb deren die Landarbeit
der billigeren Maschinenproduktion einen erfolgreichen Widerstand entgegensetzt. Daneben
aber hat der vordringende großkapitalistische Werkstättenbettieb selbst wieder einen schweren
Stand; unablässig schreitet die Technik zu neuen Vervollkommnungen voran, denen sich
kein Fabrikant ohne Schaden verschließerl darf. Andererseits steigern sich auch die
Ansprüche des Publikums immer mehr, sowohl in bezug auf billigeren Preis, als
auch auf Grund der Geschmacksveredelung und der Ausbildung eines selbständigen
Arteils; daher wird z. B. auch in der Textilindustrie die gewerbliche Arbeit dazu gedrängt,
einen immer engeren Anschluß an die Kunst zu erlangen.
Der Maschinenspinnerei und -Weberei wandte das Großkapital gleich bei ihrem
Aufkommen sein Interesse zu; sie gehören auch zu den verhältnismäßig wenigen
Industrien, für die sich die Aktienform besonders eignet und als nöüg erweist. Leute
ist über eine halbe Milliarde Mark an Aktien in der deutschen Textilindustrie angelegt;
das Kapital verteilt sich auf 273 Gesellschaften, die ein Aktienkapital von 438 und
ein Anleihekapital von 98 Millionen Mark aufweisen. Der Lauptteil entfällt aus die
Baumwollindustrie mit zusammen 206 Millionen Mark und 102 Gesellschaften; dann
folgt die Kammgarnspinnerei und -Weberei mit zusammen 144 Millionen Mark und