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Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
10. Alfred Krupp.
Von Diedrich Baedeker.
Baedeker, Alfred Krupp und die Entwickelung der Gußstahlfabrik zu Essen, G. D.
Baedeker, *889. 5. 5^7—3^ und S. 351—356.
Bei aller Kleinheit und Kleinlichkeit der Verhältnisse, in denen Alfred Krupp
aufgewachsen war, und die auch bis in die fünfziger Jahre hinein ihn noch umgaben,
ließ sich sein Geist niemals von derselben beeinflussen oder gar überwältigen. Sein
Idealismus war der unerschütterliche Glaube an das Emporsteigen eines neuen Ge
stirns, des Stahls, an dem er selbst die Stelle des Prometheus übernehmen würde.
Von jeher dachte und handelte er in allem groß. Wie hätte es bei einem so bevor
zugten Liebling des Genius auch anders sein können. Niemals ist der Erwerb, das
Geld, sein Zweck gewesen; auch war er nie ein Kaufmann. Lieber setzte er sein ganzes
kleines Vermögen an die Ausführung einer einzigen Idee, als daß er aus Geldrück
sichten auf solche technische Versuche verzichtete. Noch in späteren Lebensjahren erzählte
er gerne, wie er damals beinahe sein Pab und Gut geopfert, um eine Walze zu
konstruieren, und wie er, als ihm dieselbe entzweibrach, dennoch nicht verzweifelte,
sondern, in der festen Überzeugung von der Richtigkeit seiner Idee, nach der Arsache
des „Konstruktionsfehlers" forschte und, nachdem er ihn gefunden, rüstig wieder von
vorne anfing. Als dann aus solchen Versuchen glücklich seine erste Erfindung, die
Löffelwalze, hervorging, fühlte er wieder sicheren Boden unter seinen Füßen.
In Krupps geselligem Verkehr vollzog sich bereits nach den ersten großen Tri
umphen der Gußstahlfabrik eine gewisse Wandlung. Patte er bis zu seiner Vermählung
in den besseren Kreisen seiner Vaterstadt, wo er durch seinen Pumor und seine treffenden
Äußerungen ein gerne gesehener Gast war, sich regelmäßig bewegt, so leistete er seit
dem auf diese ihm liebgewordene Gewohnheit allmählich fast ganz Verzicht. Die
Gründe dafür lagen auf der Pand. Sie erklären auch hinreichend genug die Beharr
lichkeit, mit der Krupp allen Versuchen, die namentlich noch in seinen späteren Lebens
jahren gemacht wurden, um ihn in das politische Treiben hereinzuziehen, entgegentrat.
Waren die geschäftlichen Aufgaben, die er sich gestellt, doch so große und vielseitige,
daß er, wenn er daneben auch noch seiner Familie gegenüber die Pflichten des Gatten
und Vaters erfüllen wollte, gar keine andere Wahl hatte, als sich mit der Geselligkeit
zu begnügen, welche der Kreis seiner Angehörigen und die Schar der Gäste bot, die
durch die Anziehungskraft der Fabrik herbeigeführt wurden.
Es gab wohl keinen Besucher, aus den die Erscheinung des Essener Fabrikherrn
nicht von vornherein einen gewaltigen Eindruck gemacht hätte. „Dies muß er sein
und kein anderer", so sagte sich jeder, der beim ersten Eintritt in den von Gästen ge
füllten Salon Alfred Krupp erblickte. Von Auge zu Auge trat dem Besucher hier
der Mann gegenüber, dessen Gußstahl an Vortrefflichkeit denjenigen jedes anderen
Werkes überragte, dessen Fabrikerzeugnisse wegen der Exaktheit und Vollendung ihrer
Ausführung über den ganzen Erdkreis gesucht und verbreitet waren und so manchen
„ersten Preis" errungen hatten, dessen Kanonen die wirksamste Waffe in den großen
Kriegen der Neuzeit gewesen, und welche immer noch, trotz aller Anstrengungen seiner
eifrigen Wettbewerber im In- und Auslande, bis auf den heutigen Tag „hor8 de
concours“ geblieben waren: der Schöpfer einer Welt der Technik, in der selbst das
Kleinste, wie von einer unsichtbaren Land geleitet, in staunenerregender Ordnung sich
von selbst dem Ganzen fügte. Das war der deutsche Ingenieur, der, wie seine großen
englischen Vorbilder, in seiner Jugend kaum die Grundlagen der Bildung sich angeeignet
hatte, um doch in wenigen Jahrzehnten nicht nur innerhalb des Kreises seiner Berufs