Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Fünfter Teil. Verkehrswesen. III. Eisenbahnwesen. 
Mecklenburg und Oldenburg — ist der Erfolg der gegenwärtigen Lösung der Ver 
staatlichungsfrage: weniger Einfluß und weniger Finanzvorteil, als wenn das Reichs- 
eisenbahnprokt verwirklicht worden wäre. 
Ein Ereignis von einer Bedeutung, die kaum überschätzt werden kann, war die 
Herbeiführung einer Eisenbahngemeinschaft, die seit dem 1. April 1897 Preußen und 
Kessen-Darmstadt verbindet. In den gemeinschaftlichen Betrieb wurden die vormalige 
hessische Ludwigsbahn, die oberhessischen Eisenbahnen und die hessischen staatlichen 
Nebenbahnen cinbczogen. Kessen wurde bei dem Abkommen von Preußen vorteilhaft 
bedacht. Indessen der Finanzvorteil und der Einfluß des hessischen Staates wäre 
vielleicht, wenn es seinerzeit zur Verwirklichung des Reichseiscnbahnprojckts gekommen 
wäre, wohl ebensosehr zu wahren gewesen. Unwillkürlich erinnerten Kenner der 
Geschichte des Deutschen Zollvereins anläßlich des preußisch-hessischen Eisenbahnabkommens 
daran, daß der allgemeinen deutschen Zolleinigung zunächst 1828 eine preußisch-hessische 
Zollgcmeinschast vorausgegangen ist. Man konnte hierzu die Bemerkung fügen, daß 
das Schwergewicht der preußisch-hessischen Eisenbahngemeinschaft innerhalb Deutschlands 
ein viel größeres sein werde als das der einst zwischen Preußen und Kessen vollzogenen 
Zolleinigung. Manche drücken dies so aus: Preußen beherrscht nunmehr nicht nur 
ganz Norddcutschland in allen wichtigen Durchgangslinicn, sondern es erobert sich auch 
den Weg zum Einfluß in Südwestdeutschland. Gleichartige Grundsätze der Eisenbahn 
politik könnten nunmehr von Elsaß-Lothringen an, woselbst die preußische Tradition 
eingeführt sei, bis nach Ostpreußen in Wirksamkeit treten. Jedenfalls ist die Möglichkeit, 
daß die preußisch-hessische Gemeinschaft Zuwachs durch Anschluß anderer bisher unab 
hängiger Eiscnbahnsysteme empfängt, keineswegs ausgeschlossen. 
Unabhängig sind bisher die Staatseisenbahnsysteme von Sachsen, Bayern, 
Württemberg, Baden, sowie die pfälzischen Privatbahnen geblieben. Eine Eisenbahn 
politik jedoch, die im Durchgangsverkehr von der preußischen abwiche, kann zurzeit 
keines dieser Eisenbahnsystcme durchführen. Die Eisenbahnrcntc, welche der Landeskasse 
zufließt, ist in den selbständig gebliebenen Staatseisenbahnsystemcn — besonders in 
Süddeutschland — erheblich geringer, als wenn das Reichseisenbahnprojekt durchgeführt 
worden wäre. Der Einfluß der vom preußischen System unabhängigen Staatsbahn 
verwaltungen ist in Fragen der Veamtenernennung und in allen Fragen des Binnen 
verkehrs — nicht dagegen in gleichem Maße in Fragen des Fernverkehrs — zurzeit 
größer, als wenn es zur Verwirklichung des Reichseisenbahnprojekts gekommen wäre. 
Wenn freilich Preußen einmal den Einfluß, den es von Ostpreußen bis Elsaß-Lothringen 
geltend machen kann, zur Ablenkung oder erheblichen Erschwerung des auf Süd 
deutschland bisher entfallenden Durchgangsverkehrs benutzen würde, so könnten die 
finanziellen Grundlagen der Anabhängigkeit der süddeutschen Staatsbahnsystemc ernstlich 
gefährdet erscheinen. 
Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Frage, ob cs ein Vorteil für Bayern ist, 
die pfälzischen Privatbahnen Ende 1904 zu erwerben, viel verwickelter geworden ist, 
seitdem preußischer Einfluß die hessischen Durchgangswege zwischen dem rechtsrheinischen 
Bayern und der Pfalz beherrscht. Würde vollends Württemberg oder Baden dem 
hessischen Vorbild im Anschluß an Preußen folgen, so würde der Erwerb des 
pfälzischen Bahnnetzes für Bayern nicht eine Mehrung, sondern eine Minderung seiner 
Unabhängigkeit in Eisenbahnsachen gegenüber Preußen bedeuten. 
Wiederholt tauchen seit deni preußisch-hessischen Eisenbahnabkommen in Süd 
deutschland Ideen wie zurzeit des preußisch-hessischen Zollvereins auf. Manche glauben, 
daß sich eine Verwaltungsgemeinschaft, die noch mehr süddeutsche Staaten als Kessen 
mit Preußen vereinigt, eines Tages herausbilden könne. Andere empfehlen eine engere 
Vereinigung der süddeutschen Eisenbahnverwaltungen untereinander, ein Gedanke, mit dem 
sich Fürst Kohenlohc, als bayerischer Ministerpräsident, vor 1870 eingehend beschäftigt hat.
	        
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