Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

448 Fünfter Teil. Verkehrswesen. IV. Binnen- und Seeschiffahrt. 
5. Zur Geschichte der deutschen Reederei. 
Von Ernst v. .Halle. 
v. Halle, Die Entwickelung und Bedeutung der deutschen Reederei. In: Bändels- und 
Machtpolitik. Reden und Aufsätze, herausgegeben von Schnioller, Sering, Wagner. 2. Bd. 
Stuttgart, I. G. Lotta Nachfolger, >900. 5. 158—>,9S. 
Die Entwickelung der deutschen Reederei, speziell in den .Hansestädten, hat sich 
keineswegs vollkommen glatt und ohne innere Schwicrigkeiteit vollzogen. Die Geschichte 
der Reederei in einzelnen Städten, selbst bei den aufstrebenden beiden .Hamburger und 
Bremer Aktienreedereien, die eine Reihe der charakteristischen Züge der Gcsamtentwickelung 
widerspiegeln, bietet neben zunächst guten, später glänzenden Erfolgen zeitweilig auch 
das Bild großer Enttäuschungen und schwerer Rückschläge, schroffster Kämpfe gegen 
die Konkurrenz anderer deutscher und freindländischer Linien, schwerer Verluste und 
kritischer Jahre. Auch innere Mängel in der Verwaltung haben bald hier, bald da 
große Gefahren gebracht und lange nachhaltende Folgeerscheinungen gezeitigt, — zumal 
in den Zeiten der großen Krisis zu Ende der fünfziger Jahre, dann während der 
gefährdeten Seefahrt zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges, während des Krieges 
von 1870 und wiederum in der wirtschaftlichen Depression um die Mitte der siebziger 
Jahre kam man allgemein in eine überaus bedrängte Situation. 
Andererseits entstanden in den aufstrebenden Perioden zu Anfang der siebziger 
und der achtziger Jahre bisweilen einzelne Unternehmungen zwecks Aufnahme der 
Konkurrenz, welche sich in der Folgezeit nicht zu halten vermochten. Zweimal, im 
Konkurrenzkampf mit der Adler-Linie nach Mitte der siebziger und mit der Carr- 
Linie in den achtziger Jahren, hat selbst die Äamburg-Amerika-Linie die Grundfesten 
ihres Daseins erschüttert gesehen. 
Dennoch ist es hier wie in anderen kritischen Fällen dank dem Anternehmungs- 
geiste der hansischen Reeder stets gelungen, über die schlimmen Zeiten der Anterbilanzen 
hinwegzukommen und den Betrieb aus eine immer breitere, sicherere Grundlage zu 
stellen. And die unterbietende Konkurrenz wurde entweder durch frühzeitigen Aufkauf 
oder durch Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit und einen nachdrücklichen Kampf, 
der bei heimischen Reedereien meist mit Amalgamierung oder Aufsaugung endigte, oder 
durch vertragliche Tarifregelung und Verkehrsverteilung in gesunde Schranken gebannt. 
Schon früh hatte man sich durch tüchtige Leistungen die Postbeförderung für 
eine Reihe von Ländern zu sichern gewußt; 1866 und 1868 hatten die Hamburger 
und die Bremer Linie nacheinander mit mehr als je einem halben Dutzend damals für 
vollkommen geltender Dampfer den wöchentlichen Passagierverkehr mit New Dork auf 
genommen. Schritt für Schritt waren in den folgenden Jahren unter stetiger Ver 
mehrung des Dampfschiffparks neue regelmäßige Fahrten nach Baltimore, nach New 
Orleans, nach .Havana hinzugefügt worden. 
Vor allem aber stieg inzwischen im Jahre 1867, das die Gründung des Nord 
deutschen Bundes brachte, endlich auch die eine deutsche Flagge an allen Masten empor, 
und die fremden Nationen sahen nunmehr in stolzer Einheit verkörpert, was vorher, 
auf verschiedene Flaggen verteilt, nur allzu winzig erschienen war. Die bald darauf 
folgenden Siegestaten von 1870, die Gründung des Reiches dienten dazu, dem neuen 
Banner Achtung und Ehre zu erwerben, und die alten preußischen, verbunden mit den 
alten .hanseatcnfarbcn verliehen der deutschen Schiffahrt das Sicherheitsgefühl einer- 
festen Stühe in Krieg und Frieden. 
Schuf so die politische Konstellation der deutschen Reederei auf den Meeren draußen 
eine ganz andere Stellung, so verstanden es die deutschen Reeder andererseits, sich die 
Fortschritte im technischen Betrieb allmählich zu eigen zu machen.
	        
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