Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

12.  Das  amerikanische  Schutzsystem.

487

tennessee,  sowie  die  Zuckerproduktion  von  Louisiana,  in  welchen  Staaten  sie  einen  festen
Stamm  von  Wählern  hatten,  und  die  Republikaner  die  kaufmännischen  Interessen  der
atlantischen  Hafenstädte.
Erst  bei  der  Präsidentenwahl  von  1888  und  dann  wieder  1892  wurde  der  Tarif
eine  scharfe  Scheidewand  zwischen  beiden  Parteien,  1896  trat  er  aber  hinter  die  Geldfrage ­
  schon  wieder  erheblich  zurück,  und  niemand  kann  behaupten,  daß  die  großen
amerikanischen  Parteien  aus  der  Lethargie  der  Prinzipienlosigkeit  wirklich  und  dauernd
erweckt  worden  seien.
Aus  der  Haltlosigkeit  der  Politiker  ist  der  Schluß  zu  ziehen,  daß  der  Tarif  nur
zu  leicht  ein  Kompromiß  mannigfacher,  zur  Zeit  einflußreicher  Interessen  darstellt.  Der
Mangel  einheitlicher,  leitender  Gedanken  in  der  Zollgesetzgebung  hängt  nun  aber  außerdem ­
  mit  staatsrechtlichen  Besonderheiten  der  Llnionsverfassung  zusammen.  Der  Kongreß,
welcher  allein  befugt  ist,  Bundessteuern  aufzulegen  und  den  Lande!  mit  fremden  Staaten
zu  regeln,  besteht  aus  Repräsentantenhaus  und  Senat.  Die  Abgeordneten  für  das
erstere  werden  alle  zwei,  für  den  letzteren  alle  sechs  Jahre  gewählt.  Der  Präsident,
dessen  Wahl  von  vier  zu  vier  Jahren  stattfindet,  kann  alle  Gesetze  mit  seinem  Veto
belegen,  worauf  sie  an  den  Kongreß  zurückgehen.  Wenn  jedoch  beide  Läufer  mit  einer
Zweidrittel-Majorität  der  zurückgewiesenen  Vorlage  ihre  Zusttmmung  erteilen,  so  ist
der  Einspruch  des  Präsidenten  unwirksam  gemacht.  Da  nun  die  Mandatsdauer  für
Abgeordnete  und  Senatoren  eine  verschiedene  ist,  außerdem  jene  aus  allgemeinen  direkten
Wahlen,  diese  aus  solchen  der  einzelstaatlichen  Parlamente  hervorgehen,  ferner  auch  die
Präsidentenwahl  eine  besondere  ist,  so  ist  es  verständlich,  daß  die  eine  Partei  keineswegs
immer  über  die  gesamte  verfassungsmäßige  Regierungsgewalt  verfügen,  und  daß  z.  B.
ein  demokratischer  Präsident  ein  in  der  Majorität  republikanisches  Abgeordnetenhaus
gegen  sich,  den  Senat  für  sich  haben  kann.  Kommt  es  nun  bei  einer  solchen  Divergenz
zu  Verhandlungen  über  das  Zollwesen,  so  kann  jede  Partei  die  Anträge  der  anderen
niederstimmen.  Da  nun  aber  dabei  nichts  praktisches  herauskommen  würde,  so  müssen
gcgenseittg  Konzessionen  geinacht  werden.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.