Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

48 Zweiter Teil. Landel. II. Der Lande! im allgemeinen. 
4. Der Handel nach sozialistischer Anschauung. 
Von Bruno Lildebrand. 
Lildebrand, Die Nationalökonomie der Gegenwart u»d Zukunft. Sb. Frankfurt a. M., 
Literarische Anstalt (I. Rütten), ^8^8. 5. U4 — U? »nd 5. 253— 257. 
Angriffe des Sozialismus auf den Lande!. 
Der Lande! ist nach sozialistischer Anschauung sowohl unsittlich als auch national 
ökonomisch nachteilig. 
Unsittlich, denn beim Lande! stehen sich immer Käufer und Verkäufer mit 
absolut entgegengesetzten Interessen, also feindselig gegenüber. Jeder sucht sein Privat 
eigentum nach Kräften zu vergrößern uitd deshalb so teuer wie möglich zu verkaufen 
und so billig wie möglich zu kaufen. Daraus folgt von selbst auf der einen Seite 
gegenseitiges Mißtrauen, auf der andern Seite Rechtfertiguirg dieses Mißtrauens, die 
Anwendung unsittlicher Mittel zur Erreichung eines unsittlichen Zweckes. So ent 
wickeln sich im Lande! die Grundsätze der Verschwiegenheit, der Verheimlichung alles 
dessen, was den Wert der eigenen Ware herabsehen könnte, die Grundsätze des 
erlaubten Strebens, von der Unkenntnis oder dem Vertrauen der Gegenpartei einen 
möglichst großen Nutzen zu ziehen und seiner Ware Eigenschaften anzurühmen, die sie 
nie besitzt. Kurz, aus dem Ei gentu me, dem legalen Diebstahl entwickelt sich 
„der Landet, der legale Betrug". Am meisten gewinnen durch ihn die großen 
Eigentümer, denn sie verkaufen die Friichte ihres Bodens oder ihre Fabrikate oder 
die eingekauften Waren stets so teuer, als sie können, und bezahlen die Arbeit so billig, 
als es ihnen nur möglich ist; sie vergrößern fortwährend durch den Lande! den 
Amfang ihrer Lerrschaft, bis sie endlich jeden Menschen, der nicht in der größeren 
oder geringeren Seltenheit seiner Industrie und seines Talents ein Verteidigungsmittel 
findet, auf das Allernotwendigste beschränken. 
Wird der Lande! human, d. h. erkennen die Landelnden, daß freundschaftliche 
Beziehungen zu ihren Kunden ihnen vorteilhafter sind, so wird nur die Sittlichkeit zu 
unsittlichen Zwecken gemißbraucht. Die Erde wird zivilisiert, um das Grundmonopol, 
das Eigentum zu vergrößern und neues Terrain für die Entfaltung der Labsucht zu 
gewinnen. Die Völker werden „verbrüdert zu einer Brüderschaft von Dieben", und 
der Krieg vermindert, um den friedlichen, aber „ehrlosen Krieg der Konkurrenz" bis 
zur höchsten Stufe zu entwickeln. 
Zu diesem unsittlichen Charakter des Landels kommen seine nationalökonomischen 
Nachteile. 
Indem der Lande! angeblich Produktion und Konsumtion vermittelt, beschäftigt 
er eine Menge überflüssiger Zwischenpcrsonen, welche in den Magazinen, auf den 
Märkten, Börsen und andern Verkaufsplätzcn ihre Zeit verschwenden und nicht produzieren, 
sondern wie die Mönche nur konsumieren und dazu den Konsumenten die Waren 
verteuern. Die produktiven Gewerbe verlieren daher durch den Lande! eine Menge 
von Arbeitskräften, welche unbenutzt vergeudet werden. 
Er hält ferner Produktion und Konsumtion unter seinem Joche, zwingt durch 
seinen Reichtum und seine Lerrschaft über den Markt die kleinen Produzenten, unter 
dem Wert zu verkaufen, und die Konsumenten, über dem Wert zu kaufen, drückt und 
steigert die Warenpreise, je nachdem es sein Vorteil erheischt, bald durch Verschleuderung, 
bald durch Aufhäufung und selbst Vernichtung von Waren, und entzieht dadurch den 
produktiven Gewerben auch das Kapital. 
Da endlich die Kaufleute sich täglich vermehren, ohne daß ein Bedürfnis ihrer 
Tätigkeit vorhanden ist, so kann keiner von ihnen bestehen ohne Kampf mit seinen
	        
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