XVI
Strom des Fortschrittes unterbricht sie nicht in seinem Laufe. Der
antisozialistische Geist erhebt in unserem Sozialismus zu oft sein
Haupt, gerade so wie sich der Haushund auf seiner sorgfältig bereiteten
Schlafmatte noch heute herumdreht, wie es seine Vorfahren zu tun
pflegten, wenn sie sich auf dem Grase der Steppen eine Lagerstätte
machen wollten; genau so wie sich die Erinnerungen an heidnische
Gebräuche in unseren christlichen Zeremonien erhalten haben und
genau so wie uns unsere Hammelrippchen, die wir heute artig mit
Messer und Gabel essen, mit Papierkrausen geschmückt serviert wer
den, welche Krausen aber einst nötig waren, als man die Koteletten
noch zwischen Daumen und Finger nahm.
Doch wenn der konstruktive Sozialismus nicht bloß der Gegenstand
einer aktiven Propaganda ist, sondern auch eine politische Partei ge
schaffen hat, die sich im Parlament einen Platz errungen hat, so ist
es dieser Partei unmöglich, über Fragen der politischen Demokratie
Ansichten zu vertreten, die jenen Anschauungen schnurstracks zu
widerlaufen, zu denen sie sich hinsichtlich der industriellen Demo
kratie bekennt. Der sozialistische politische Staat kann in seinen fun
damentalen Prinzipien nicht dem sozialistischen Industriestaat ent
gegengesetzt werden.
Wie ich nun zu zeigen versuchen werde, ist der politische Staat von
dem Dasein des Sozialismus, ob dieser nun als eine rationelle Gesell
schaftslehre oder als eine Form der industriellen Demokratie aufge
faßt wird, untrennbar. Der grundlegende Unterschied zwischen dem
Anarchisten und dem Sozialisten ist, daß jener nicht glaubt, ein poli
tischer Staat, der durch zeitweilige Kapitulation der Minorität vor
der Majorität funktioniert, nachdem sich die Mehrheit verkündet hat,
und in letzter Instanz durch die Gewalt gesichert wird, dürfe in
einem industriellen Gemeinwesen existieren. Ich kann mir eine solche
Gemeinschaft ohne politischen Staat nicht vorstellen. Die auf koo
perative Dienstleistungen gegründete industrielle Gemeinschaft, die
eben das sozialistische Gemeinwesen ist, muß sich das Recht reservie
ren, sagen zu können, daß der Wille der Majorität zurzeit ihr eigener
Wille sei. Auch muß sie Macht haben, diesen Willen durchzusetzen.
Dies ist ihr nur durch Gesetzgebung, durch ein Verwaltungswesen,
durch Ortsstatuten, Inspektion, Strafe und Belohnung möglich, kurz
um, durch Ausübung der legislativen, vollstreckenden und richter