376 Siebentes Buch. Drittes Kapitel.
Und wie die frühere Frömmigkeit ein kirchenpolitisches
Programm aufgestellt hatte, so erhob sich auch die neue Lehre
zu einer energischen Kritik der bestehenden kirchlichen Zustände.
Vergebens riet der päpstliche Kanzler Haimerich Bernhard, sich
nicht in die weltlichen Angelegenheiten der Kirche zu mischen:
das zieme dem Mönche nicht: die Verbreitung der neuen
Frömmigkeit redete, auch wenn sie schwieg, und Bernhards
geistlicher Mut war weit davon entfernt, dem hierarchischen
Papfsttum derbe Wahrheiten zu verhehlen. Ein eigenartiges
Verhältnis zwischen dem Abte von Clairvaur und der Kurie
war die Folge. Obwohl ihr unterworfen, schrieb ihr Bernhard
schließlich doch, gestützt auf die von ihm ausgehende Strömung
und die Feuerwirkungen seines Wesens, Gesetze vor; er be—
herrschte in den vierziger Jahren des 12. Jahrhunderts that—
sächlich die Kirche.
Dabei war er in seiner etwa 1150 verfaßten Schrift de
consideratione weit entfernt von dem gregorianischen Ideal
eines päpstlichen Absolutismus. Er haßte die Kurie in ihrem
weltlichen Gebaren; er hat einmal von den occupationes male—
dictas Roms gesprochen!. Nur ungern sah er den Papst in
dreifacher Krone; unerträglich erschienen ihm Kammerherren und
Schildknappen, Mundschenken und Oberköche des Stellvertreters
Christi. Was er mit heißer Seele ersehnte, das war ein Kirchen—
tum in apostolischer Einfachheit, aber gleichwohl von höchster
Gewalt über die Seelen und darum mittelbar Herr der Welt;
ein Papst, der auf evangelischer Eselin daherritt, aber dessen
Spuren alles Volk verehrend segnete.
Zum Glück für das Papsttum war es ein unerreichbares
Ideal. Es war das Zukunftsbild einer Kirche von Menschen,
wie Bernhard sie durch seine Predigt zu gestalten gedachte, nicht
von Menschen, wie sie waren und blieben. So haben die kirch—
lichen Ideale der neuen Frömmigkeit nie volles Leben gewonnen.
Wohl aber haben die Bestrebungen zu ihrer Verwirklichung das
hierarchische Papsttum zeitweilig überholt und in die zweite Linie
Ep. 240.