38
Erstes Buch, Cap. 1.
seine eigenen Angelegenheiten verfolgen. Das Gesetz schütze
grossen und kleinen Besitz, schütze den Schwachen sogar be-
sonders, grosse Reichthümer könnten nur Wenigen zufallen,
wenn das Gesetz ausserdem jedem eine gesunde Existenz er-
mögliche, so seien die Dinge „vollkommen“ geordnet. Die
Handarbeiter seien auch ohne Reichthum glücklich, weil
Arbeit und Mässigkeit zufrieden machen, weil Mahlzeit und
Ruhe nach der Arbeit doppelten Genuss bereiten etc.
Dies sind Sätze, in denen gewiss eine Wahrheit enthalten
ist, aber wer kann glauben, dass sie willig angenommen wer-
den, wenn ein Mitglied der herrschenden Klasse in satter
Selbstzufriedenheit sie leidenschaftlich erregten Massen predigt ?
Gewiss ist der Neid hässlich und unvernünftig. Aber wenn
neue Reichthümer massenhaft und in bisher ungeahnter
Schnelligkeit entstehen, wenn gleichzeitig heimathlose Arbeiter
in Massen an einzelnen Punkten. concentrirt werden und in
azine hülflose, unsichere Lage gerathen, sind dann nicht neue
Verhältnisse da, welche den arbeitenden Armen den Vergleich
ihrer Lage mit der ihrer Lohnherren aufdrängen? Ist der
Neid dann nicht ein wohl verwerflicher, aber unvermeidlicher
Begleiter des natürlichen Strebens, selbst gleich den bisher
Begünstigten emporzukommen ?
Die Empfindung des Glücks wird unvermeidlich durch
len Vergleich bestimmt und Paley’s Predigt der Zufriedenheit
auf Grundlage einer nüchternen philosophischen Betrachtung
beweist, dass er für die in der Grossindustrie geschaffene neue
Lage, für die natürlichen Empfindungen und Bestrebungen der
Arbeiter ebensowenig Verständniss hatte als für das natürliche
Begehren der aufstrebenden Capitalisten nach grösserem Antheil
an der politischen Herrschaft, Er gab der Nützlichkeitslehre
len kirchlichen Segen, weil er ein Theologe war, ohne zu ver-
stehen was Religion ist. Er goss wenige unwirksame Tropfen
beruhigenden Oels in die aufgeregten Wogen neuer socialer
Bewegung, weil er ein politischer Philosoph war, der für den
cuhigen Genuss einer dem Individuum zugetheilten Pfründe
mehr Verständniss hatte als für Standesgefühle und Standes-