IV. Außenpolitische und innerpolitische Wandlungen in der Hanse 149
um so mehr werden es sich die politisch führenden Kreise überlegt haben,
die Finanzen mit außenpolitischen Forderungen zu sehr zu belasten.
So etwa wird sich in der Lübecker Ratsstube die politische Gesamtlage
kurz nach dem Stralsunder Frieden dargestellt haben. Nicht daß eine Er-
kenntnis solcher Art die lübisch-hansische Diplomatie zur Tatenlosigkeit
niedergedrückt hätte. Die Befriedigung über das vom Kriege gegen Dänemark
Erreichte und der damit verbundene ungeheure Gewinn an politischem
Ansehen allein hätten das verhindert. Namentlich England gegenüber zeigte
man den Willen, die politischen Konsequenzen aus dem dänischen Kriege
zu ziehen: das bekam der englische Kaufmann in Bergen und auf Schonen
zu fühlen. Aber schon in der flandrischen Politik der Hanse herrscht in den
70er Jahren eine nicht zu verkennende Lässigkeit, die zum Teil durch die
Widerstände der preußischen Städte auf dem Hansetage von 1373 verursacht
wurde. Im Vordergrunde des hansischen Interesses stand aber auch nach
1370 zweifellos die skandinavische Politik. Und hier war man sich auf
hansischer Seite sehr wohl bewußt, daß man ein nicht mehr zu Überbietendes
erreicht hatte, und — daß es diplomatische Kunst in höchstem Maße er-
forderte, das Errungene zu behaupten. Denn wer so viel errungen hatte,
für den war allein schon das Behaupten des Errungenen keine leichte Arbeit.
50 zeigt sich das politische Geschick der hansischen Leitung vielleicht in
nichts deutlicher, als in jener zurückhaltenden Politik, die sie nach Walde-
mars Tode namentlich unter der großen Margarethe geführt hat. Außen-
politisch hatte im Norden die Hanse keine weiteren Ziele; sie war satu-
riert, und deshalb wurde ihre ehrliche Vermittlertätigkeit damals von allen,
in die nordischen Händel verwickelten Parteien immer gern angerufen. Und
sie war um so eher zu einer solchen zurückhaltenden Politik geneigt, als sie
sich über all jene geheimen und offenen Schwierigkeiten ihrer gesamten
politischen Lage klarer bewußt war, als irgendeine andere Macht im nörd-
lichen Europa. Die skandinavische Politik der Hanse in den letzten
drei Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts ist also die politisch
notwendige Folge der außenpolitischen und innerpolitischen
Wandlungen in den Jahren um den Stralsunder Frieden. Indiese
Zeit fällt der große Wendepunkt der hansischen Außenpolitik.
Auf dem Höhepunkt des Erreichbaren tritt sie jetzt in die Verteidi-
zungsstellung des Errungenen. War es eine glänzende Leistung, was
das deutsche Bürgertum in den ersten 200 Jahren seiner aktivsten Ostsee-
politik erreicht hatte, von der Gründung Lübecks bis zum Stralsunder
Frieden, so verdient ein politisches Können nicht geringere Bewunderung, das
trotz aller Gefährdung seiner eigensten Grundlagen das einmal Errungene
noch auf fast zwei weitere Jahrhunderte zu behaupten verstanden hat.
Ein Erfolg solcher Art wäre aber unmöglich gewesen, wenn nicht dem