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völlig umsonst gewährten Beihilfe zur Gesetzesumgehung dem
Hamster noch ein weiteres Aufgeld auf seine Einlage zahlt.
(Nebenbei, wer bezahlt den Sparkassen die ununterbrochenen Aus-
fälle, die sie durch keine Abwälzung mehr einbringen können?
Nur das Reichsgeldamt kann das übernehmen, das somit durch
unausgesetzte Inflation selber die ganze Freigeldwirtschaft er-
schüttert!)
d) Das Verblüffendste an der Freigeldwirtschaft sind schließ-
lich Gesells Rechenmethoden., Nachdem er die grund-
iegende Verpflichtung aller festgestellt hat, „sofort und unter allen
Umständen genau soviel zu kaufen, wie wir selbst verkauft haben“,
gibt er folgende Aufgabe zu lösen:
„Rechne nach, was geschehen muß, wenn jeder für 100 Mk. Arbeits-
produkte auf den Markt wirft, aber nur für 90 Mk. kauft, also 10 Mk. zu sparen
wünscht. Wie kann man diesen Widerspruch lösen und allen Menschen
lie Möglichkeit geben. zu sparen?‘ (S. 347).
Durch das Freigeld soll der Widerspruch behoben sein; denn
‚es sagt: willst Du Deine Sachen verkaufen, so kaufe Deinem Nächsten
‚eine Sachen ab. Hast Du für 100 verkauft, so kaufe auch
für 100! Wenn alle so handeln, wird jeder sein volles Erzeug-
1is verkaufen und sparen können“ (S. 275).
Silvio Gesell übertrifft sich hier selbst: er spart den Rest
der bleibt, wenn man ı00 von ıo0o abzieht! Das freilich ist eine
ganz neue „Geldrechnung“. Die Frage ist nur, ob überhaupt noch
eine Rechnung. Liegt auch das noch im Plane Gesells, daß
die Freigeldwirtschaft unsere einfachsten Vorstellungen von Zahlen-
verhältnissen umbildet?
Eine treffende Kritik hat Paul Werner an dem ehemaligen
Finanzminister geübt: „Durch die Fabrizierung eines gleitenden Geldwertes
will Gesell den Zins und damit die Ausbeutung aus der Welt bringen.
Wie gewisse kleinbürgerliche Ökonomen dokterte er an den Erschei-
aungsformen der kapitalistischen Krankheit herum, ohne ihr Wesen
zu treffen. Er wollte das Gleichgewicht in der Welt herbeiführen, indem er
die Zunge der Wage festhielt. Er hat nicht Zeit gehabt, diese geistvolle Me-
:hode anzuwenden, sonst hätte die Räterepublik einen wunderbaren finan-
ziellen Kladderadatsch erleben können (S.z2o). Auch Conrad Schmidt
jußert sich ähnlich: „Das arme Deutschland mit seinen sich ständig mehr
und mehr vermehrenden und entwertenden Papiergeldmassen hätte nach dem
Silvioschen Rezept allen Anlaß, sich zu seinem Unglück Glück zu wün-
schen ... Vielleicht verherrlicht der Verfasser diesen Zustand nächstens als
das ersehnte Paradies‘ (S. 547).