Full text: Finanzwissenschaft

S 1. Buch. KEinleitende Lehren. 
philosophischer Methode die Grundfragen zur Untersuchung gestellt, 
indem ‚er vorerst den historischen Gesichtspunkt erfaßte und in 
der Gestaltung jeder einzelnen Periode des Finanzwesens den Ein- 
fluß der herrschenden staatlichen und gesellschaftlichen, wirtschaft- 
lichen und juristischen Begriffe nachwies. In dem Kapitel „Finanz- 
wissenschaft und Sozialismus“ berührt er die brennendste Frage 
der Gegenwart und legt die Richtlinien der Finanzwissenschaft mit 
Rücksicht auf das Gebiet der sozialen Verwaltung dar. Er hat 
auch auf den nationalen Charakter der Staatswissenschaft in den 
einzelnen Staaten Europas hingewiesen. Methode und Darstellung 
mögen zur Kritik berechtigen — „ein Überwuchern des Triebes 
zum Systematisieren, imposanter Nebel, welcher sich aus einem 
UÜberflusse stattlicher Worte auftürmte“ (Gustav Cohn) —, sie 
mindern aber nicht die großen Verdienste, die dieser Forscher sich 
um die tiefere Erfassung der finanziellen Probleme erworben hat. 
Trotz mancher Irrtümer steht er hoch über seinen Vorgängern 
und gibt den Nachfolgern Ideen und Richtlinien. Er war es, der 
in der Tat die Finanzwissenschaft zu einer ebenbürtigen Schwester 
der anderen Staatswissenschaften gemacht hat. Auch Wagner 
sagt, daß Stein’s Werk weit die höchste Stufe einnimmt in der 
gesamten Literatur der Finanzwissenschaft. 
Wenn auch nicht von der Bedeutung der Leistungen Stein’s, 
haben doch auch die gründlichen, groß angelegten Werke Hock’s 
über die Finanzen Frankreichs, dann der Vereinigten Staaten Nord- 
amerikas an der Bereicherung der finanzwissenschaftlichen Literatur 
teilgenommen. Namentlich die verwaltungsrechtliche Seite fand bei 
diesem der Finanzbureaukratie angehörigen Fachmanne eingehende 
Berücksichtigung. Auch sein Werk „Steuern und Abgaben“ hatte 
für seine Zeit entschiedene Bedeutung. 
9. Sozialpolitik. Schäffle. Wagner. Immer mehr werden 
auch die sozlalpolitischen Momente in der finanzwissenschaftlichen 
Literatur zur Geltung gebracht. Der sozialethische Gedanke fordert 
namentlich in der Finanzwissenschaft zu einer Überprüfung. Die 
großen Ungleichheiten in der Verteilung des Einkommens können 
auch in der Finanzwissenschaft nicht übersehen werden. Neben 
der entsprechenden, den Staatszwecken adäquaten Güterbeschaffung 
soll auch die Gerechtigkeit in der Verteilung der Staatslasten be- 
rücksichtigt werden. Diese Strömung bildet den charakteristischen 
Zug der modernen Finanzwissenschaft. Die gesamten Begriffe der 
Finanzwissenschaft werden nun einer Revision unterzogen. Um- 
fassende Arbeiten bereichern die Wissenschaft. Die bedeutendsten 
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