Die Frühromantik.
Für die Darstellung einer nationalen Entwicklung aber
namentlich hoher Kulturstufen, in einer Gegenwart, die der
allgemeinen kulturgeschichtlichen Hilfsmittel noch so bar ist wie
die heutige, muß man sich wenigstens den Grundsatz immer
wieder ins Gedächtnis rufen, daß alle geschichtlichen Ver—
änderungen von tieferer Bedeutung kontinuierlichen Charakters
iind und daher eine Unsumme eng miteinander verbundener
Einzelvorgänge aufweisen.
Das gilt auch für die deutsche geistige Bewegung während
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie läßt sich gewiß
ohne jede Schwierigkeit in Zeiten der Empfindsamkeit, des
Sturmes und Dranges und des Klassizismus zerlegen. Schon
die Zeitgenossen haben dies der Hauptsache nach getan: so
augenscheinlich sind die Einschnitte. Dennoch: sieht man ihr
Ganzes aus weiterer Ferne, so erscheint es in der Tat auch
als ein Ganzes, wie eine ungeheure Sinfonie mit Steigerungen
»on tausend Takten: und während die groben Einschnitte
der triadischen Periodisierung verschwinden, tritt statt dessen
ein leises Kontinuum der Veränderung hervor, dessen feinste
Schattierungen man eher fühlen als aussprechen kann: denn
die Sprache ist einstweilen noch unvermögend, mit dem kurrenten
Zahlgeld ihres Wortschatzes so zarte Nuancen zu decken.
Uber die Form des Gesamtverlaufs aber kann kein Zweifel
sein, zumal sie sich Gesetzen der Anfänge neuer Kulturzeitalter,
einer Mechanik gleichsam des kulturgeschichtlichen Geschehens
fügt, die sich auch schon im früheren Verlaufe der deutschen
Geschichte beobachten lassen.
Bereits für das 8. bis 10. Jahrhundert kann aus dem
für eindringlichere Forschungen noch recht schwachen Bestande
unserer Quellen dennoch festgestellt werden, daß starken wirtschaft⸗
lichen und namentlich auch sozialen Veränderungen eine Wand⸗
lung des Seelenlebens folgt, in der, namentlich auf dem Gebiete
der für uns am besten überschaubaren Frömmigkeitsentwick⸗—
lung, zunächst Formen einer fast unerträglich zu nennenden
Dissoziation auftreten: in der Askese schon des neunten, nament⸗
lich aber des 10. Jahrhunderts: bis dann ein höheres System