fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
Für die Darstellung einer nationalen Entwicklung aber 
namentlich hoher Kulturstufen, in einer Gegenwart, die der 
allgemeinen kulturgeschichtlichen Hilfsmittel noch so bar ist wie 
die heutige, muß man sich wenigstens den Grundsatz immer 
wieder ins Gedächtnis rufen, daß alle geschichtlichen Ver— 
änderungen von tieferer Bedeutung kontinuierlichen Charakters 
iind und daher eine Unsumme eng miteinander verbundener 
Einzelvorgänge aufweisen. 
Das gilt auch für die deutsche geistige Bewegung während 
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie läßt sich gewiß 
ohne jede Schwierigkeit in Zeiten der Empfindsamkeit, des 
Sturmes und Dranges und des Klassizismus zerlegen. Schon 
die Zeitgenossen haben dies der Hauptsache nach getan: so 
augenscheinlich sind die Einschnitte. Dennoch: sieht man ihr 
Ganzes aus weiterer Ferne, so erscheint es in der Tat auch 
als ein Ganzes, wie eine ungeheure Sinfonie mit Steigerungen 
»on tausend Takten: und während die groben Einschnitte 
der triadischen Periodisierung verschwinden, tritt statt dessen 
ein leises Kontinuum der Veränderung hervor, dessen feinste 
Schattierungen man eher fühlen als aussprechen kann: denn 
die Sprache ist einstweilen noch unvermögend, mit dem kurrenten 
Zahlgeld ihres Wortschatzes so zarte Nuancen zu decken. 
Uber die Form des Gesamtverlaufs aber kann kein Zweifel 
sein, zumal sie sich Gesetzen der Anfänge neuer Kulturzeitalter, 
einer Mechanik gleichsam des kulturgeschichtlichen Geschehens 
fügt, die sich auch schon im früheren Verlaufe der deutschen 
Geschichte beobachten lassen. 
Bereits für das 8. bis 10. Jahrhundert kann aus dem 
für eindringlichere Forschungen noch recht schwachen Bestande 
unserer Quellen dennoch festgestellt werden, daß starken wirtschaft⸗ 
lichen und namentlich auch sozialen Veränderungen eine Wand⸗ 
lung des Seelenlebens folgt, in der, namentlich auf dem Gebiete 
der für uns am besten überschaubaren Frömmigkeitsentwick⸗— 
lung, zunächst Formen einer fast unerträglich zu nennenden 
Dissoziation auftreten: in der Askese schon des neunten, nament⸗ 
lich aber des 10. Jahrhunderts: bis dann ein höheres System
	        
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