Object: Theoretische Sozialökonomie

572 Kap. XIX. Die bestimmenden Faktoren der Konjunkturbewegungen. 
duktion für den laufenden Verbrauch regelmäßig viel stärkere Ungleich- 
mäßigkeiten in der Anwendung dauerhafter Produktionsmittel höherer 
Ordnung mit sich bringen muß. , Da diese Produktionsmittel höhere 
Ordnung festes Kapital sind, und da die Konjunkturbewegungen ihre 
Wesen nach ‘Schwankungen in der Produktion von festem Kapital sind, 
kann eine vollständige Ausgleichung der Konjunkturbewegungen in 
einer fortschreitenden Volkswirtschaft kaum gedacht werden. In dem 
Maße aber, wie der Fortschritt sich verlangsamt oder gleichmäßige 
wird, kann man eine gewisse Dämpfung der Konjunkturbewegungen 
erwarten. Nach dieser Betrachtung ist es nur natürlich, daß die Zeit 
der großen industriellen Revolution, wo die Gesellschaft den ent- 
scheidenden Schritt von der alten zur neuen Wirtschaftsordnung 
machte, auch eine Reihe von starken Hochkonjunkturen und darauf 
olgenden Depressionen aufzuweisen hat. 
| Wenn wir vom Fortschritt im wirtschaftlichen Sinne sprechen, 
müssen wir darunter immer auch die Volksvermehrung mit einbegreifen. 
eder Zuwachs der Bevölkerung erfordert einen entsprechenden Zu- 
achs von festem Kapital der Gesellschaft. Ein durchschnittlich starker 
uwachs des festen Kapitals muß offenbar den Konjunkturbewegungen 
reieren Spielraum geben. Umgekehrt muß ein im allgemeinen schwacher 
uwachs an festem Kapital auf die Konjunkturen gewissermaßen eine 
hemmende Wirkung ausüben. Einer Gesellschaft ohne Volksver- 
mehrung würde es vielleicht gelingen, die Konjunkturbewegungen inner- 
halb engerer Grenzen zu halten. Eine solche Einwirkung der Volksver- 
mehrung auf die Konjunkturen könnte man vielleicht schon heute durch 
einen Vergleich zwischen verschiedenen Ländern entdecken. Ist es 
och auffallend, wie Deutschland und die Vereinigten Staaten mit 
ihrem gewaltigen Bevölkerungszuwachs Viel größere Bedeutung für 
die Weltkonjunktur haben und wohl auch von derselben stärker be- 
influßt werden als ein Land wie Frankreich mit seiner relativ stabile 
Bevölkerung. 
Wir. gelangen also zu dem Ergebnis, daß die Zukunft der Kon- 
junkturen wesentlich von der Zukunft des materiellen Fortschritts, in 
ualitativem sowohl wie im quantitativem Sinne aufgefaßt, abhängt. 
Wo bleibt bei dieser Betrachtungsart die Spekulation, die doch 
nach einer allgemein verbreiteten Auffassung ein wesentliches Momen 
der Konjunkturbewegungen darstellt ? Selbstverständlich darf man nicht 
die Rolle der Spekulation in der Hochkonjunktur vernachlässigen. Di 
übertriebenen Vorstellungen und Hoffnungen von den wirtschaftlichen 
öglichkeiten der Gesellschaft bilden in jeder Hochkonjunktur starke, 
orwärts treibende Kräfte. Im Grunde genommen ist aber die Spe- 
ulation, wenn man von ihren Ausschweifungen absieht, nur ein Aus 
druck für das Streben des Unternehmertums, die gesteigerte Nachfrage 
der Gesellschaft nach festem Kapital auszunutzen. Da diese Nachfrag
	        
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