Object: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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wanderung; die hauptsächlich in dem leistungsfähigen Alter stattfindet. 
So hat das deutsche Reich unter 1000 Einwohnern 351 unter 15 Jah- 
ven, Frankreich dagegen nur 262, Ungarn 387. Noch grösser ist der Un- 
terschied in dem Alter von über 60 Jahren, wo Frankreich mit 125 allen 
anderen Ländern voransteht, dem sich Schweden mit 115 anschliesst, wäh- 
rend Deutschland nur 80, Ungarn und die Ver. Staaten 56 aufzuweisen 
haben. Da heutigen Tages die geistige Schaffenskraft von weit höherer 
Bedeutung ist, als die physische und die erstere sich weit länger erhält, 
so wird damit die Ueberlegenheit eines Landes mit hohen Altersstufen 
eine weit grössere sein, als früher, und es ergiebt sich daraus, von 
welcher Bedeutung die Körperpflege für ein jedes Land ist. ‘Jedes 
Kind, welches stirbt, hat dem Lande nur Kosten verursacht, jeder Jüng- 
ing hat nur einen Teil dessen zurückgezahlt,‘ was er verbraucht hat. 
Die Sterblichkeit im jugendlichen Alter ist aber in Deutschland eine 
exorbitant grosse (s. Grundriss IV, 1, S. 132). Je länger die Rüstigkeit 
anhält, um so grösser ist der Ueberschuss der Leistungen, die der 
Mensch für den Nationalwohlstand zu liefern vermag und im Durch- 
schnitt thatsächlich liefert. Alles was zur Förderung der Gesundheits- 
verhältnisse eines Landes geschieht, ist deshalb in der gleichen Weise 
hebend für den Volkswohlstand, was nicht genügend gewürdigt wird. 
Begriff, 
Fälle der 
Jebervölke- 
rung. 
$ 85. 
Die Begriffe Volksmangel und VUebervölkerung. 
Rümelin, Reden und kleine Aufsätze. Neue Folge. Zur Bevölkerungsfrage. 
Tübingen 1888. 
/ohn, Bevölkerungsgesetz. Jahrb. f£. Nat.-Oek., N. F., Bd. II 
Ein gewisser Grad von Volksdichtigkeit wird als Volksmangel, 
ein anderer als Uebervölkerung zu bezeichnen sein. In dem ersteren 
Falle genügt die Bevölkerung nicht, um die Gaben der Natur voll- 
ständig auszunutzen und das vorhandene Kapital angemessen zu be- 
schäftigen, wie das in den dünn bevölkerten' Gegenden im Westen der 
Ver. Staaten, in weiten Strecken Südamerikas u. s. w. der Fall ist, 
wo fruchtbare Territorien aus Mangel an Arbeitskräften unbenutzt liegen 
bleiben. Ebenso können in Mexiko Mineralien aus demselben Grunde 
ılcht bergmännisch gewonnen werden, Der Zustand der Ueberbevöl- 
zerung liegt vor, wenn es an Gelegenheit fehlt, die vorhandenen Men- 
schenkräfte zu verwerten, und sich dadurch Arbeits- und Verdienst- 
osigkeit für längere Zeit herausstellen. Solch ein Zustand ist unzweifel- 
1aft in verschiedenen Teilen Chinas und Indiens zu beobachten, 
wo das vorhandene Land bereits zu zersplittert ist, um den Inhabern 
Jesselben regelmässig den nötigen Unterhalt zu verschaffen und ihre 
Arbeitskraft auszunutzen, wo daher jede Missernte allgemeine Hungers- 
not und Elend verbreitet und die Bevölkerung dezimiert. Ein ähnlicher 
Zustand zeigte sich in Irland in den vierziger Jahren des letzten Jahr- 
hunderts, wo das Land in kleinen Parzellen an Pächter ausgegeben 
war, welche davon nur in normalen Jahren ihre Nahrung an Kartoffeln 
zu gewinnen vermochten, und wo die Bevölkerung aus Mangel an Neben- 
beschäftigung in der Industrie einen grossen "Teil des Jahres unthätig war. 
Als nun die Kartoffelkrankheit die Ernteerträge nachhaltig reduzierte, 
zonnte die Bevölkerung von über acht Millionen auf der orünen Insel
	        
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