9. Lermann Schulze-Delitzsch.
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„Die Wissenschaft, welche keine Grenzpsähle kennt und über den politischen Zwisten
steht, hat durch den Tod von Schulze-Delitzsch einen herben Verlust erlitten. Durch
diesen großen gemeinnützigen Mann sind der Wissenschaft und der Menschheit die
größten Dienste erwiesen worden. In beständiger Opposition gegen den Sozialisten
Lassalle hat Schulze-Delitzsch hauptsächlich die Vorzüge der Freiheit gefeiert und seine
Theorien auch praftisch ausgeführt. Er wollte, daß die arbeitenden Klassen die Besserung
ihrer wirtschaftlichen und sittlichen Verhältnisse sich selbst, ihrer Sparsamkeit, ihrer Aus
dauer, ihrer Arbeit, ihrer Solidarität verdanken sollten. Die auf Grund dieser Prin
zipien erlangten Erfolge grenzen ans Wunderbare. Trotzdem hat Schulze-Delitzfch
keinen materiellen Lohn für sein Wirken gewollt, stets in bescheidenen Verhältnissen
gelebt und sich mit der inneren Genugtuung begnügt, das Gute getan und nützlich
gewirkt zu haben. Schulze-Delitzsch hatte — wie der hervorragende Publizist Nefftzer
trefflich ausführt — etwas von Bastiat und etwas von Luther an sich. Alle die,
welche die Wissenschaft der Nationalökonomie schätzen, werden den Verlust von Schulze-
Delitzsch tief empfinden und beklagen."
In ähnlicher Weise wird Schulze-Delitzsch von dem hochverdienten A. Malarce
in einem Leitartikel des „Journal des Debats“ vom 25. Mai 1883 gefeiert, der
mit den Worten schließt: „Mit Schulze-Delitzsch ist ein großer Stern von uns ge
gangen, ich sage nicht erloschen, denn wenn dieser Stern auch unsern Horizont verläßt,
zeichnet er uns durch seine leuchtende Bahn die Wege des Fortschritts vor, die wir
in Zukunft zu wandeln haben." Auch Leroy-Beaulieu würdigt in der Wochenschrift
„b'Lconomiste frangais“ vom 12. Mai das Wirken von Schulze-Delitzsch in einem
längeren Nekrologe.
Tief ergreifend war auch die Trauerfeier, welche am 18. Mai 1883 im Saale
der Allgemeinen Arbeitergenossenschaft in Rom ain Fuße des Kapitols stattgefunden
hat, wobei der italienische Nationalökonom Prof. Luzzatti als Präsident der italienischen
Genossenschaften in begeisterten Worten das an Kämpfen und Taten so reiche und
doch so bescheidene Leben des „Apostels von Potsdam" schilderte und dem pomphaften
verführerischen Auftreten Lassalles gegenüberstellte. Luzzatti erinnerte an das Interesse,
welches Schulze-Delitzsch den Genossenschaften Italiens zugewendet, das er heiß geliebt
habe. Noch kurz vor seinem Tode habe er daran gearbeitet, die Genossenschaften
Deutschlands und Italiens durch wechselseitigen Kredit- und Kontokorrentverkehr eng
miteinander zu verbinden. Die stimmungsvolle Feier endete mit einigen Worten, die
der jetzige Minister Genala dem Gedächtnis von Schulze-Delitzsch als polittschem Freunde
Italiens widmete.
Ja, wir Deutschen haben einen großen Mann verloren, der es wie wenige seiner
Zeitgenossen verstanden hat, den Ruhm deutscher Tatkraft und uneigennütziger Menschen
liebe auch unter andern Völkern zu verbreiten. Sein kräfüger nationaler Sinn hat
seiner internationalen Bedeutung keinen Eintrag getan. Er war einer der reinsten
öffentlichen Charaktere und einer der beharrlichsten Förderer der friedlichen und freiheit
lichen Entwickelung des Menschengeschlechts. Seine Grundsätze haben keinen Laß
und Neid erregt, sondern auch die ungünstig gestellten Volksklassen mit Lust und
Freudigkeit zur Arbeit und mit Vertrauen zu ihren Mitmenschen erfüllt. Mögen die
nachfolgenden Geschlechter in seinem Geiste wirken, und möge die Saat, die er über
viele Völker ausgestreut hat, immer reichere Früchte bringen!