Der moderne Imperialismus.
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Eingeborene allerdings nicht stehen; er will nicht länger in der
blinden Abhängigkeit eines ehemalig orientalischen, jetzt europäi
sierten Despotismus verharren. Er borgt die politischen Ideale des
» herrschenden Volkes, er ruft nach Freiheit und verlangt die Verfas
sungsformen, die dieses sich geschaffen hat. «Englische Beobachter,»
schreibt ein indischer Mohammedaner, «dürfen nie vergessen, daß
unter den Hindu in ganz Indien eine starke Neigung besteht, die
nationalen Bewegungen nachzuahmen, die in der europäischen Ge
schichte erfolgreich gewesen sind.» So kommt aus der Eingeborenen
bevölkerung heraus, erst kaum vernehmlich, dann stärker und stärker
werdend, der Ruf nach teilweiser Europäisierung. Man will nicht
die eigene Nationalität verlieren, man will sie nicht vom Herrscher
zertrümmert sehen, man will aber auch nicht, daß der Herrscher
es einem versage, an den Kultureinrichtungen Anteil zu nehmen, die
ihn selbst groß und mächtig gemacht haben. Man will so auf
der einen Seite die eigene Nationalität bewahren, man will aber vom
, Europäer hinzulernen, was man zur Selbstbestimmung braucht.
So ist eine Auffassung entstanden, die die Eingeborenen zwar nicht
in Europäer umwandeln will, aber ihnen europäische Einrichtungen,
ihren Bedürfnissen entsprechend umgestaltet, vermitteln soll. Sie
sollen dabei zur Mitarbeit an diesem Werke herangezogen werden.
Daher hat man, allerdings mit vielen Einschränkungen, bereits parla
mentarische Vertretungen der Eingeborenen eingeführt, nachdem
ihre Mitwirkung in Justiz und Verwaltung schon seit Jahren statt
gefunden hat. In Algier z. B. sind die Delegationen der Eingeborenen
zur Teilnahme an der Finanzverwaltung herangezogen worden. In
Indien haben die Reformen der letzten Jahre eine weitgehende Um
gestaltung der politischen Stellung der Eingeborenen zur Folge
gehabt. Der gesetzgebende Rat des Vizekönigs (Imperial Legisla-
* tive Council) besteht seit denselben aus 60 Mitgliedern; fast die
Hälfte derselben sind gewählte Vertreter der Eingeborenen. In den
gesetzgebenden Räten der Provinzen von Madras, Bombay und
Bengalen haben die gewählten eingeborenen Abgeordneten heute
die Majorität. Der Exekutive ist allerdings das Recht Vorbehalten,
gegen jede Maßnahme ihr Veto einzulegen; aber selbst diese Exe
kutive enthält heute eingeborene Mitglieder. Im Staatsrat (Executive
Council) des Vizekönigs und der Provinzialgouverneure sitzt heute
je ein indisches Mitglied; und in der Londoner Zentralbehörde, dem