3. Der kaufmännische Briefstil.
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finden, Verträge nicht halten, wenn Konjunkturwechsel zu ihrem Schaden eintritt
usw. Aus diesen Gründen liegt der wichtigste Teil der kaufmännischen Arbeit in
der Kontrolle der eingekauften und in der noch gewissenhafteren
Kontrolle der ausgehenden Waren. Hierzu sind gründliche Waren- und
Branchenkenntnisse unerläßlich. Daraus kann man ermessen, wie schwer es hält,
ein Glied, das früher diese Arbeit besorgte, auszuschalten und es ist zweifellos, daß
dem direkten Einkauf bezw. Verkauf gerade mit Rücksicht auf das Risiko in der
Qualität die größten Schwierigkeiten entgegenstehen.
Doch gibt es auch Fälle, wo ein Kaufmann, Fabrikant oder Konsument gerade
aus dem Grunde den möglichst direkten Einkauf zu organisieren sucht, damit er am
Produktionsort selbst die ihm zweckdienliche Ware auswählen kann, oder weil er
einen Einfluß auf die Produzenten ausüben will, um diese zu einer seinen Wünschen
bezw. seinem Bedarf entsprechenden Produktion zu veranlassen (Herstellung von
Uhren, Stickereien, Maschinen usw.). So kann also das Qualitätsrisiko
einmal als ein die Ausschaltung hemmendes, in anderen
Fällen als ein diese förderndes Moment wirken.
6. Das Risiko in der Konjunktur ist, soweit es im Preise zum
Ausdruck kommt, schon besprochen. Aber für den Kaufmann kommen dabei noch
andere Momente in Betracht; in erster Linie muß er die auf- und abwärts stei
genden Tendenzen der Konjunktur aus ihren verschiedenen Symptomen zu erkennen
suchen, um danach seine Handelsdispositionen zu treffen, insbesondere sich bei auf
steigender Konjunktur rechtzeitig in Vorrat setzen, umgekehrt bei fallender Kon
junktur im Kaufen zurückhalten. Unstreitig kann er nun diese Tendenzen schneller
und richtiger erkennen, wenn er in möglichst enger Fühlung mit der Konsumtion
und der Produktion steht, als wenn er durch verschiedene Zwischenglieder von
jenen getrennt ist und nur indirekt Kenntnis erhält von den Veränderungen, die
sich dort wie hier vollziehen. Zudem sind diese indirekten Mitteilungen nichts
weniger als zuverlässig, da jedes Glied ein Interesse daran hat, seine Kenntnis von
den Veränderungen der Konjunktur und seine darauf gestützten Maßnahmen geheim
zuhalten. Von diesem Standpunkte aus ist daher eine möglichst direkte Verbindung
— der direkte Kauf und Verkauf — vorzuziehen.
Freilich kommt noch ein anderes Moment in Betracht. Die stoßartige Wellen
bewegung von auf- und absteigender Konjunktur pflanzt sich um so langsamer fort,
je mehr Zwischenglieder an dem Prozesse des Güteraustausches teilnehmen; fetzt
doch jedes Glied in seinen Vorräten und in seinem Interesse an einem gleichmäßigen
Geschäftsgang diesen Stößen eine gewisse Widerstandskraft entgegen. Jedes
Zwischenglied hemmt daher den unvermittelten Übergang von Hoch- und Tiefkon
junktur und verstärkt die ausgleichende Wirkung. Ob aber gerade in dieser ver
langsamten Fortpflanzung von Aufschwung und Niedergang nicht ein Nachteil liegt,
ist eine Frage, die wir hier nicht zu beantworten haben.
3. Der kaufmännische Briefstil.
Von Karl Craemer.
Craemer, Kaufmännischer Briefstil. In: Bericht über die Sitzung des Ausschusses
des Deutschen Handelstags vom 14. Juni 1910. sDeutscher Handelstag, Mitteilungen an die
Mitglieder. 50. Jahrgang. Nr. 18 vom 1. August 1910.) S. 40 ff.
Vorbemerkung. Die Handelskammer zu Stuttgart wandte sich am 4. April 1910 in
einem Schreiben an den Deutschen Handelstag gegen unnötige Höflichkeitsformeln und über-